American History X von Edmund Hartsch

Juli 21st, 2014 | By Sarah

„Warum ich AMERICAN HISTORY X für einen guten Film halte“

(von Edmund Hartsch, 15.10.2001) 

Ich hatte letzte Woche das Glück auf Premiere den Film American History X zu sehen und da die Filme auf Premiere immer gleich 5-8 mal pro Monat laufen, konnte ich ihn wenige Tage später gleich noch einmal anschauen. Das war aber nicht das erste mal, dass ich diesen Film sah. Mein Freund Axel hatte mich vor zwei Jahren schon einmal auf den Streifen aufmerksam gemacht und weil ich ihn, als er noch im Kino lief, wohl irgendwie verpasst haben musste, besorgte ich mir den Film auf Video. Ich war zwar beeindruckt gewesen, aber das war´s dann auch schon. Ich bin normalerweise jemand, der an jedem Hollywood Film etwas auszusetzen hat und immer finde ich etwas, das mir nicht passt, das übertrieben oder einfach nur dämlich wirkt. Mein anderer Freund Patrik, mit dem ich zusammen wohne, wenn ich in Deutschland bin, ist ebenfalls jemand, der jeden Film kritisch unter die Lupe nimmt. Zusammen analysieren wir meistens alles, was es zu analysieren gibt. Story, Regie und Spannungsaufbau, Darsteller, Nebendarsteller und deren Garderobe, Kamera, Schnitt und Licht, Bühnen- und Außenaufnahmen, etc… Beim wiederholten Anschauen von American History X ist mir dann aufgefallen, wie verdammt gut dieser Film eigentlich wirklich ist. Ich schreibe hier mal ein paar meiner Gedanken auf, nicht nur für diejenigen unter Euch, die ihn gesehen haben oder für diejenigen, die ihn nicht gesehen haben, sondern auch und gerade für diejenigen, die ihn gesehen, aber nicht verstanden haben.

Hier eine Zusammenfassung:

American History X

USA 1998, 115 Min. Regie: Tony Kaye

Ort der Handlung ist Venice-Beach, Kalifornien im Jahre 1998. Venice ist ein Vorort von L.A. direkt am Strand, der über die Jahre heruntergekommen ist und immer mehr mit der Metropole verschmilzt.

Die Story ist in zwei Teile geteilt. Der eine Teil beschreibt die Gegenwart, ist in Farbe gedreht und erzählt von den Ereignissen eines einzigen Tages, einer einzigen Nacht und des darauffolgenden Morgens.

Der andere Teil ist die Erzählung der Protagonisten Derek Vinyard und die seines jüngeren Bruders Danny. Die bewegenden Bilder sind in schwarz/weiß abgedreht und schildern die vorangegangenen Ereignisse, die zu diesem einen, speziellen Tag geführt haben. Es ist der Tag Dereks Entlassung aus dem Knast von Chino, in dem er drei Jahre wegen Totschlags von zwei Afro-Amerikanern gesessen hat. Der Film beginnt in schwarz/weiß und zeigt Auszüge aus der Mordszene. Der Betrachter erfährt, dass Derek und Danny Skinheads sind. Derek, brilliant dargestellt von Edward Norton, ist eine imposante, muskulöse Erscheinung mit Hakenkreuztattoo auf der Brust und einer Aura von höchster Wachsamkeit, von Entschlossenheit, Brutalität und Intelligenz. Sein jüngerer 16jähriger Bruder Danny, ebenso brilliant dargestellt von Edward Furlong, vergöttert seinen älteren Bruder. Derek ist in Venice, so etwas wie die Ikone der rechten Szene. Der Film springt zwischen der farbigen Gegenwart und der schwarz/weißen Vergangenheit hin und her und nach und nach entfaltet sich der Handlungsstrang. Danny hatte am Tag zuvor eine Arbeit für seinen Geschichtslehrer abzuliefern gehabt. Ich habe vergessen, wie die Aufgabe lautete, jedoch wurde klar, dass er mit seiner Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“ bei seinem jüdischen Geschichtslehrer, nicht auf Gegenliebe stieß. Er wird zum Schuldirektor dem schwarzen Dr. Sweeny zitiert, der bereits Derek unterrichtet hatte und nun befürchtet, dass Danny in das gleiche Fahrwasser wie sein Bruder gerät. Sweeny gibt Danny eine neue Hausaufgabe. Er soll bis zum nächsten Morgen eine Arbeit über seinen älteren Bruder schreiben und diese Arbeit soll den Titel „American History X“ tragen. Danny nimmt den Auftrag gelassen an und läuft nach der Schule nach Hause, um seinen Bruder Derek zu empfangen, der an diesem Morgen aus dem Knast entlassen wurde. Man erfährt, dass es sich bei den Vinyards um eine mittelständische Familie mit Geldsorgen handelt. Die allein erziehende Doris (Beverly D`Angelo) ist die Mutter von vier Kindern, zwei Jungs und zwei Mädchen, raucht viel und hustet ständig. Über den Vater erfahren wir zunächst nichts. Es wird schnell klar, dass der aus dem Gefängnis entlassene Derek nicht mehr der gleiche Mann ist. Es scheint eine Verwandlung in ihm vorgegangen zu sein und während der Tag der Entlassung seinen Lauf nimmt, erzählt Danny die Geschichte seines älteren Bruders Derek. Wir sehen den Aufstieg des Skinheads Derek, der mit seiner Intelligenz, seiner eloquenten Rethorik und seinen Handlungen schnell zum Superstar der Szene avanciert. Er bringt die entscheidende Wendung in einem Basketballspiel gegen eine schwarze Gang, in dem es um die Revierrechte des Courts geht. Der Gewinner erhält das Recht auf ewig hier Basketball spielen zu dürfen, während der Verlierer für immer das Feld räumen muß. Der aufmerksame Beobachter erkennt hier bereits, dass einer der Schwarzen später eines der Opfer von Dereks Mordtat sein wird. Weiterhin übernimmt Derek die rethorische, iedealistische und auch tatsächliche Führung eines nächtlichen Überfalls von Skinheads auf einen von asiatischen Einwanderern geführten Supermarkt. Hier wird aber auch zum ersten Mal richtig deutlich, dass es da noch eine Führung im Hintergrund gibt. Der Neonazi und Hitlerverehrer Cameron Alexander, ein Mann in den fünzigern, mit Hasenscharte und Brille, bleibt im Hintergrund, zieht Derek Vinyard jedoch geschickt auf seine Seite, um ihn für seine Zwecke zu missbrauchen. Derek ist intelligent genug, um die Theorien von Alexander, auf eindrucksvolle Weise an seine Kameraden weiterzugeben. Er glaubt mit Leib und Seele an das, was er sagt und ist druchdrungen von Wut und Hass, sowie von dem Wunsch, nicht länger zuzuschauen, wie „America vor die Hunde geht“ und „endlich etwas dagegen zu unternehmen.“ Die Tatsache, dass er von Cameron Alexander benutzt wird, scheint ihm zunächst verborgen zu bleiben.

Die Geschichte springt zurück in die Gegenwart. Der sechzehnjährige Danny gerät mit einem gleichaltrigen schwarzen Schüler seiner Schule aneinander. Zuhause hört Derek von Danny, dass es am Abend eine eigens für ihn organisierte Willkommens-Party und ein Skinheadkonzert bei Cameron Alexander in dessen Scheune geben wir. Der aus dem Knast entlassene und gewandelte Derek will nicht, dass sein jüngerer Bruder dort hingeht. Wir erfahren, dass sich die gesamte rechte Szene während Dereks Abwesenheit vergrößert und verändert hat. Sie ist mittlerweile durch und durch organisiert, verfügt über bessere Möglichkeiten der Kommunikation und alle erwarten mit Spannung die Rückkehr des Führers und Idols Derek Vinyard. Der dicke Skinhead Seth Ryan ist an diesem Morgen auch bei den Vinyards und bemerkt die Veränderung von Derek, ist aber zu blöde, etwas daraus zu schließen. Bevor nun der Tag zuende geht und wir wissen, was auf der Party laufen wird, setzt sich Danny in sein Zimmer, das mit einer großen Hakenkreuzfahne und allerlei Nazi-Schnick-Schnack geschmückt ist, an seinen Computer und beginnt mit seinem Aufsatz „American History X“. Danny versinkt in seinen Gedanken und lässt noch einmal die Nacht der Mordtat Revue passieren.

Die Bilder sind schwarz/weiß und wir sehen den gesamten Ablauf der Tat, der in der Einstiegszene des Filmes nur angedeutet wurde. Danny erwacht mitten in der Nacht, während Derek im Nebenzimmer seine Freundin Stacy vögelt. Vor dem Haus hält ein Wagen, in dem drei Schwarze sitzen. Sie halten vor dem Haus. Einer bleibt im Wagen, einer stellt sich vor die Haustür und ein dritter bricht in Dereks Auto ein, dass, wie wir kurz darauf erfahren ein Geschenk des verstorbenen Vaters war. Danny, der die Szenerie aus dem Fenster im ersten Stock beobachtet, geht hinüber in das andere Zimmer, um seinen älteren Bruder zu alarmieren. Derek nimmt sich eine Pistole, zieht sich seine Doc´s an und läuft in Unterhose nach unten. Derek ist todernst und entschlossen. Den ersten Schwarzen an der Tür erschießt er sofort. Den zweiten, der sich am Auto zu schaffen macht, streckt er zunächst mit einem Streifschuß nieder und läuft sodann hinter dem losfahrenden Fluchtauto hinterher. Er ballert das komplette Magazin leer, aber der Fahrer kann entkommen. Danny ist mittlerweile herausgekommen und kniet auf dem Rasen vor dem Haus. Er kann nicht glauben, was er da sieht und man erkennt, dass er mit seinen sechzehn Jahren einfach zu jung ist, um die Entschlossenheit seines älteren Bruders vollends zu begreifen. Derek kommt indessen von der Straße zurück, schnappt sich den noch halb benommenen Schwarzen vor dem Haus und zerrt ihn auf die Straße. Unter wüsten Beschimpfungen legt er den Kopf des Schwarzen auf den Bordstein. Er zwingt sein Opfer dazu, die Zähne um die Bordsteinkante zu legen und als sein jüngerer Bruder Danny „Nein Derek, nicht“ ruft, tritt er zu. Sekunden später biegt die Polizei in die Straße ein und nimmt den grinsenden Derek in einer bewegenden Zeitlupenszene fest. Dies ist eine von zwei Schlüsselszenen des Filmes. Sie zeigt Derek auf dem Höhepunkt und auch gleichzeitig am Ende seiner Skinhead- und Gewaltkarriere.

Wiederum springt der Film in die Gegenwart zurück. Der „neue“Derek geht zu der angekündigten Party bei Cameron Alexander. Danny hat die Warnungen seines älteren Bruders in den Wind geschlagen und sitzt bereits bei Alexander im Hinterzimmer, um ihm über die Ereignisse in der Schule zu berichten. Darüber, dass seine Interpretationen von „Mein Kampf“ nicht gut angekommen sind und darüber, dass er sich nichts aus den Ermahnungen seines Schuldirektors Dr. Sweeny macht. Derek trifft seine alte Freundin Stacy wieder und die Dinge eskalieren. Nachdem er ihr sofort und ohne Umschweife erzählt hat, dass er nicht in diese Szene zurückkehren könne und dass er „fertig“ damit sei, macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder. Dereks Freundin ist fassungslos. Sie war während Dereks Abwesenheit fester Bestandteil der Szene und ist nicht bereit, mit Derek auszusteigen. Sie fängt an Derek als „Nigger“ zu beschimpfen. Derek geht in das Hinterzimmer und stellt Cameron Alexander zur Rede. In kurzen knappen Worten kommt es zur Konfrontation an deren Ende Derek Alexander zusammenschlägt und nun weiß, dass er sich in höchster Gefahr befindet. Das Skinheadkonzert in der Scheune wird unterbrochen, als Derek seinen konsternierten Bruder Danny in Sicherheit bringen will. Die ehemaligen Freunde stellen sich nun gegen Derek und es gelingt ihm nur knapp zu entkommen. Auf dem Heimweg wird er von seinem Bruder Danny eingeholt der die Welt nicht mehr versteht und seinen älteren Bruder weinend zur Rede stellt. Während sie auf einer Treppe sitzen und reden, springt der Film wieder in die Vergangenheit und Derek erzählt in schwarz/weißen Bildern über seine Erlebnisse im Knast.

Dort im Staatsgefängnis von Chino, findet er sehr schnell heraus, dass er nur ein ganz kleines Licht unter vielen ist. Muskeln bedeuten hier alles und überall werden Gewichte gestemmt. Hier sind die Sträflinge in selbstorganisierte Gruppen eingeteilt. Schwarze, Chicanos und Weiße. Um nicht sofort unterzugehen, entblößt er seine Brust, zeigt seine Tattoos und hofft darauf, dass ihm jemand Schutz bietet. Sein Ruf scheint ihm auch hierher vorraus geeilt zu sein und er findet schnell Zuflucht bei einer Gruppe von weißen Neonazis. Während seiner täglichen Arbeit wird er einem schmächtigen Schwarzen zugeteilt, mit dem er die Gefängnis-Wäsche zu waschen und zu legen hat. Der Schwarze ist zwar klein und unscheinbar, besitzt aber eine höllisch große Klappe und zeigt Derek keinen Respekt. Derek sagt nichts, niemals und lässt die Sprüche seines Mithäftlings über sich ergehen. Die Dialoge die sich nun entfalten und besonders die Szene in der sich der Schwarze ein Laken über den Kopf wirft, um ein Klu Klux Clan Mitglied zu imitieren, gehören zu den lustigsten, die ich seit langer Zeit gesehen habe. So wie fast alle Rollen in diesem Film genial besetzt sind, so liefert auch dieser Schauspieler eine wahre Glanzleistung ab.

Derek bleibt gelassen und stumm. Allerdings nur bei der Arbeit. Auf dem Hof und während der Mittagspausen, fängt er allmählich an, seinen Leuten mit seinen Prädigten mächtig auf die Nerven zu gehen. Derek beobachtet, wie der Neonazi Mitch aus seiner Gruppe auf dem Hof mit Drogen dealt. Mitch kauft das Zeug bei einem Chicano und verdealt es an andere Weiße. Für den straighten Derek ist das Verrat an den eigenen Leuten und wie es seine Art ist macht er seinem Unmut Luft. Langsam aber sicher verscherzt er es sich mit seiner Gruppe, die ihm bis jetzt Schutz vor den anderen Häftlingen gewährt hat. Als er dann auch noch mit ein paar Schwarzen auf dem Gefängnishof Basektball spielt, folgt die Strafe auf dem Fuße. Während er unter der Dusche steht, verlassen alle Häftlinge das Bad, doch bevor er merkt, was gespielt wird, ist er von den Leuten aus seiner Gruppe umzingelt. Sie halten ihn fest und der größte und muskulöseste von ihnen vergewaltigt ihn und schlägt danach seinen Schädel gegen die Kacheln. In einer weiteren bewegenden Zeitlupenszene, in der Derek, blutend aus Kopf und After mit verdrehten Augen zusammenbricht, erkennen wir die zweite Schlüsselszene. Derek, der Siegertyp erfährt Gewalt, ist besiegt und gedemütigt.

Kurz zuvor war auch seine Mutter Doris im Knast gewesen, die ihn gegen seinen Willen besuchte und ihn darum bat auf seinen jüngeren Bruder Danny Einfluß zu nehmen, der sich bereits auf dem selben Weg befindet. Derek war nicht gesprächsbereit gewesen und Doris musste das Gefängnis weinend und unverrichteter Dinge verlassen.

Nun, nachdem er besiegt wurde erlebt Derek seine Katharsis. Er schickt nach Dr. Sweeny, seinem ehemaligen Highschool Direktor, der sofort zur Stelle ist und einen weinenden, geprügelten Derek auf dem Krankenbett vorfindet. Sweeny, ein intelligenter Mann mit zwei Doktortiteln, gelingt es, Derek auf eindrucksvolle Weise davon zu überzeugen, dass sein bisheriges Leben in einer Sackgasse steckt, dass die Wut, die Derek verspürt, ihm selbst nicht unbekannt sei und dass er sich am Ende habe eingestehen müssen, dass sie alles nur noch schlimmer gemacht habe. „Du musst die richtigen Fragen stellen“ sagt er zu Derek. „Hat sich durch das was Du tust, Dein Leben verbessert?“ Derek muß zugeben, dass ihn seine Wut und sein Hass nicht weitergebracht haben. Derek befindet sich nun in einer heiklen Lage. Er ist ohne Schutz und er hat noch sechs Monate abzusitzen. Jeden Tag rechnet er damit von den Schwarzen fertig gemacht zu werden. Er lässt sich die Haare wachsen, bleibt für sich alleine und ließt die Bücher, die Sweeny ihm schickt. Aber es passiert nichts. Die mächtigen und muskulösen Schwarzen, die ständig den Gefängnishof patroullieren, lassen ihn in Ruhe und er kann das Gefängnis ohne weitere Zwischenfälle verlassen.

Und wieder springt der Film in die Gegenwart. Derek und Danny kommen mitten in der Nacht nach Hause. Die Knastgeschichte hat den jungen Danny beeindruckt und er versteht nun warum sein Bruder sich verändert hat. Zusammen gehen sie in Dannys Zimmer und nehmen die Hakenkreuzfahne von der Wand. Danach macht sich Danny an seinen Aufsatz. Er hat noch einige Stunden bis es dämmert und vor dem Computer sitzend, versinkt er abermals in Gedanken daran, wie es eigentlich mit dem rechten Gedankengut, das seine Familie infiziert hat, angefangen hat.

Wir sehen die Familie Vinyard beim Frühstück. Derek und Danny haben lange Haare und Derek liest noch während des Frühstücks in seinen Schulbüchern. Wir erfahren, dass der Vater, der ebenfalls am Tisch sitzt ein Feuerwehrmann ist und dass Derek ein überdurchschnittlich intelligenter Schüler ist, der nur gute Noten mit nach Hause bringt und seinen schwarzen Schuldirektor Dr. Sweeny wegen dessen Bildung verehrt. Der Vater scheint damit ein Problem zu haben. Während der Rest der Familie betreten zu Boden schaut, erklärt der Vater, dass es nicht in Ordnung sei, dass die Schwarzen neuerdings in Amerika bevorzugt werden, bessere Jobs bekommen, während er schuften muß. Derek ist verwirrt. Kurze Zeit später wird der Vater beim Löschen eines Brandes von schwarzen Drogendealern umgebracht. Bei Derek kippt der Schalter um. In einer weiteren Szene, offensichtlich der Tag vor der Mordnacht, sehen wir Derek bereits als den beeindruckenden großen Skinhead, den er während der Hälfte des Filmes darstellt. Mutter Doris, die beiden Schwestern, Derek, dessen Freundin Stacy und Danny sitzen beim Mittagessen. Dannys jüdischer Geschichtslehrer, der ein Verhältnis mit der alleinstehenden Witwe Doris begonnen hat, ist ebenfalls zu Besuch. Es entwickelt sich eine hitzige Diskussion über die sozialen Misstände in Amerika, die Derek mit rassistischen Argumenten zu gewinnen versucht. Die Stimmung eskaliert und der Lehrer kann die gewaltgeladene Situation nicht mehr bremsen. In einer unschönen Szene, in der Derek sich das Hemd von der Brust reißt und sein Hakenkreuztattoo bloß stellt, wirft er den Lehrer unter wüsten antisemitischen Hasstiraden aus dem Haus. Danny und Dereks Freundin stehen bereits auf Dereks Seite, während der Rest der Familie, die Mutter Doris und Dannys ältere Schwester fassungos sind.

Zurück in der Gegenwart. Danny beendet seinen Aufsatz kurz vor dem Morgengrauen. Er hat die Geschichte bis hierher nachvollzogen und verstanden. Die Familie wird einen Neuanfang ohne den Vater machen müssen. Derek ist immer noch der starke große Bruder, aber er scheint jetzt voll und ganz hinter seiner Familie zu stehen. Der Hass ist von ihm gewichen und die Familie liebt ihn. Derek übernimmt die Vaterrolle, will ein neues Haus suchen, sich bei seinem Bewährungshelfer vorstellen und einen Job finden. Am Morgen bringt er seinen Bruder Danny zur Schule. Auf dem Weg dorthin treffen sie Sweeny und einen Polizisten. Sie erfahren, dass Cameron Alexander und der Skinhead Seth Elmer auf der Intensivstation liegen. Offensichtlich hat es einen Zwischenfall mit einer schwarzen Gang gegeben. Sweeny fordert von Derek, dass dieser mit seinen alten Freunden spricht und seine Erfahrungen weitergibt. Derek willigt ungern ein, aber verspricht zu helfen. Er macht an diesem Morgen, es ist der erste Tag nach seiner Entlassung und der Morgen nach der verpatzten Willkommensparty einen paranoiden Eindruck. Nach dem Frühstück in einem Straßencafe bringt er Danny zur Schule, fühlt aber das irgendetwas nicht stimmt. Er hatte bereits am Abend zuvor ein Auto vor dem Haus gesehen, in dem einige schwarze Gangmitglieder saßen. Danny, der sichtlich gut gelaunt ist, darüber dass sein Leben eine so unerwartet positive Wandlung genommen hat, darüber, dass er die Verwandlung seines Bruders nachvollziehen kann und darüber, dass er heute seinem Schuldirektor Dr. Sweeny den Aufsatz „American History X“ über seinen Bruder Derek abliefern wird, sucht vor dem Unterricht noch einmal die Schultoilette auf. Während er die Blätter mit dem Aufsatz über den Klos ablegt und sich an die Rinne stellt, kommt der schwarze Mitschüler in den Raum, mit dem er während er Erzählung des Filmes schon zum wiederholten Male aneinander geraten war. Danny dreht sich um und für einen kurzen Moment sehen sich die beiden in die Augen. Dann schießt ihm der Schwarze zweimal in die Brust. Danny fällt in einer Zeitlupenszene rückwärts in die Rinne und bleibt tot liegen. Derek hat die Schüsse gehört und läuft zurück in die Schule. Er stürzt in die Toilette und nimmt weinend seinen toten kleinen Bruder in den Arm. Der Tatort ist bereits von der Polizei abgeriegelt und Dr. Sweeny steht schweigend vor der Toilette. Der Film endet mit farbigen Schnittbildern in Zeitlupe, in denen wir die Brüder als kleine Jungs am Strand spielend wiedererkennen.

Eward Norton erhielt für die Darstellung des Derek Vinyard eine Oscar-Nominierung und zweifelsohne ist er der tragende Charakter in diesem Film. Was ich aber noch weitaus beeindruckender finde ist die Leistung des sechzehnjährigen Edward Furlong, der als Danny Vinyard wirklich absolut professionelles Kino abliefert. Ebenso sind die Rollen der Freundin Stacy und die des kleinen schwarzen Mithäflings glänzend besetzt. Leider sind mir die Namen dieser Darsteller entfallen. Was dieses Regiedebüt von Tom Kaye so sensationell gut macht, ist zunächst die Erzählform aus Sicht der beiden Brüder und natürlich die abwechselnde Technik der farbigen Gegenwart und der schwarz/weißen Vergangenheit. Die Bilder sind zu jeder Zeit bewegend und mitreißend, ohne dass sie überladen wirken. Zeitlupe, wo Zeitlupe hingehört. Dazu eine wunderbare Kameraführung, die den Betrachter wirklich vergessen lässt, dass es ein Film ist. Man ist zu jeder Zeit ein Teilnehmer der Szene und wird förmlich von den Bildern eingesogen. Nicht zu letzt ist es aber die Aussage, die ich wichtig finde und die mich letztendlich veranlasst hat, darüber zu schreiben. „Hat sich durch das, was Du tust, Dein Leben verbessert?“

Wir kennen alle die Historie der Onkelz, auch wenn sie mit diesem Film überhaupt nichts zu tun hat. Wir kennen die Problematik und die nicht endenwollenden Diskussionen, die Presse, die künstlich am Leben gehaltenen Vorwürfe. Wir kennen aber auch die Ignoranz der Lehrer, die den Onkelzfans verbietet Onkelzshirts zu tragen, das Defizit an Information und die Probleme, die entstehen, wenn man sich zu den Onkelz bekennt und ebenfalls die Gewalt der rechten Idioten. Die Onkelz engagieren sich in einem Maße, wie es keine andere Band tut, gegen Gewalt, gegen Hass und gegen Dummheit. Ihre Katharsis, die bei ihnen bereits in den achtzigern stattgefunden hat, will und will einfach nicht anerkannt werden. Nach über 16 Jahren höre ich immer noch die gleiche Leier. Das nervt. Ich weiß aber auch, dass es unter den Onkelzfans noch einige Schlafmützen gibt, die es immer noch nicht begriffen haben. Auch wenn es sich bei diesen Leuten um eine Minderheit handelt, so muß ihnen klar gemacht werden, dass der Hass, die Wut und die Gewalt, sie keinen Zentimeter weiter bringen, denn durch das, was sie tun, hat sich ihr Leben nicht verbessert. Das bedeutet, dass sie genauso gut damit aufhören können. Man kann die Welt nicht verändern, sondern nur sich selbst. Das ist die Erkenntnis, die die Onkelz schon lange hatten, bevor dieser Film gedreht wurde, aber diese Botschaft ist nach wie vor aktuell und wichtig und muß immer wieder und von uns allen an alle weitergegeben werden, muß immer wiederholt werden. Hass begrenzt und wie Danny Vinyard am Ende des Filmes vollkommen folgerichtig sagt: „Das Leben ist zu kurz, um immer nur zu hassen, um immer nur wütend zu sein. “Allen, die das noch nicht begriffen haben, aber auch allen, die diesen Film noch nicht gesehen haben, kann ich nur raten, in die Videothek zu gehen und sich diesen Film zu besorgen.

Böhse Onkelz vs. TAZ – Berlin (2001)

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Böhse Onkelz vs. TAZ – Berlin
veröffentlicht auf www.onkelz.de am 28.05.2001

Der Hintergrund: Die Taz Berlin veröffentlichte am 23.10.2000 die Kritik des Theaterstücks „Death Valley Junction“ von Albert Ostermaier, in dem auch Musik der Böhsen Onkelz verwendet wurde. In diesem Artikel von Esther Slevogt heißt es unter anderem: „Zu allem Überfluß gibt es dann noch ein Lied der der berüchtigten rechtsradikalen Band Böhse Onkelz…“

Die Anwälte der Onkelz haben darauf hin beim Landgericht Berln eine Einstweilige Verfügung eingereicht, der vom Landgericht Berlin bei einem Streitwert von 50.000,–DM stattgegeben wurde. Das Landgericht hat also in einem Eilverfahren der Taz untersagt diese Behauptung aufzustellen, wogegen die Taz Berlin dann Widerspruch eingelegt hat. Sie hat daraufhin einen 28seitigen Schriftsatz ihres Anwaltes eingereicht, der aus unserer Sicht eher an eine journalistische Hetzschrift erinnert, als an einen juristischen Schriftsatz. Wir verzichten darauf, hier auf die vielen aus unserer Sicht faktischen und inhaltlichen Fehler hinzuweisen. Der Schriftsatz kann auf der Homepage der Taz nachgelesen werden. Nur soviel, wer Daniel Cohn-Bendit, einen bekennenden Linken und den ehemaligen Ausländerbeauftragten der Stadt Frankfurt als Rechtsradikalen bezeichnet, nur weil er sich für die Böhsen Onkelz eingesetzt hat, hat sich eigentlich schon selbst disqualifiziert. Dazu die schon fast reflexartigen Aufzählungen der schlimmen Titel „Türken raus“ etc.etc.etc. Das „Gegen den Hass“-Benefizfestival der Onkelz in Bremen vom 09.03.01. trug in diesem Schriftsatz dann auch den Untertitel „Gegen die Opfer rechter Gewalt“. Irrtum? Blödheit? Absicht? Bezeichnenderweise hat es die Taz dann auch unter fadenscheinigen Copyrightausreden unterlassen den Schriftsatz der Onkelzanwälte auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Auf recht geschickte Art wurde dann auch schon vor der Verhandlung mehr oder weniger gedroht, wenn die Entscheidung zu Gunsten der Onkelz ausfallen würde, dann würde sich die Kammer eben zum „Helfershelfer eines Musikunternehmens“, also letztendlich zum willfährigen Instrument des imperialistischen Schweinesystems machen.
Das Landgericht Berlin hat sich sodann auch prompt nicht getraut, das zu bestätigen, was es kurz zuvor eigentlich schon beschlossen hatte, nämlich der Taz Berlin zu untersagen, die Böhsen Onkelz eine „berüchtigte rechtsradikale Band“ nennen zu dürfen.
Es ist wichtig zu verstehen, daß das Landgericht nicht bestätigt hat, daß die Böhsen Onkelz eine „berüchtigt rechtsradikale Band“ sei, sondern nur, daß die Band es der Taz gerichtlich nicht verbieten könne, aufgrund der grundsätzlich geschützten Pressefreiheit (Artikel 5 GG) zu untersagen, sie so zu bezeichnen auch wenn diese Behauptung nicht den Tatsachen entspricht. Ferner ist es wichtig zu verstehen, daß das was die Taz gerade als Sieg feiert und auch so darstellt, noch lange nicht das Ende des Liedes ist. Dies war nur das Eilverfahren, in dem es um die Einstweilige Verfügung ging. Die Hauptverhandlung wird in einigen Wochen wieder vor dem Landgericht Berlin stattfinden und zu dieser Hauptverhandlung sind dann auch Beweismittel zugelassen und es können Zeugen geladen und Plädoyers gehalten werden. Die Antragsgegnerin Taz Berlin will versuchen den ganzen Fall in eine ausschließlich politisch motivierte Diskussion abgleiten zu lassen, sagt jetzt, daß sie eigentlich nur von uns endlich in Ruhe gelassen werden möchte, aber genau diesen Gefallen, werden wir Ihnen nicht tun. Im Gegenteil. Man darf also gespannt sein. Wir werden Euch weiterhin an dieser Stelle auf dem Laufenden halten. Bis dahin habt Ihr ja noch viel Zeit Euch einmal das Forum der Taz anzuschauen. Und der Taz selber, möchten wir hiermit ein paar freundliche Grüße aus Frankfurt ausrichten: Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben…

Die Onkelz

 

Abschiedsgruß von Stephan Weidner (04.07.2005)

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Stephan Weidners persönlicher Abschiedsgruß an die Fans

(geschrieben am 04.07.2005 auf www.onkelz.de)

Neffen und Nichten!

ich versuche über etwas zu schreiben für das es keine Worte gibt. Aus Gegenwart wurde Geschichte. Ich will uns aber nicht selbst beweihräuchern, deshalb reduziere ich diesen Eintrag darauf, mich aus tiefstem Herzen bei Euch zu bedanken. Wie hart der Abschied war, werdet Ihr uns angesehen haben. Ich für meinen Teil habe die 2. Hälfte des Konzerts in einer Art Trance verbracht, kann mich an so manches nicht mehr erinnern. Die Gesten, das Meer aus Armen, die „wir danken Euch“ Rufe, haben sich aber tief in mein Innerstes gebrannt. Nichts kann das Gefühl beschreiben, das ich hatte als Ihr Euch hingekniet, gesetzt was auch immer getan habt. Eine Respektsbekundung die wohl keinem Künstler jemals widerfahren ist oder widerfahren wird. Ich gestehe, dass so etwas kaum zu verarbeiten ist. Wie soll man das jemandem erklären der es selbst nicht gesehen hat? Ich hatte sicher nicht in jeder Hinsicht meinen besten Tag, unter den Umständen und dem Druck und den kaum zu kontrollierenden eigenen Emotionen finde ich es jedoch legitim, mal daneben zu greifen. Die Stimmung, die Hingabe und Eure Gesänge haben mich getragen und das bis zum Schluss. Ich hätte nie gedacht, dass es möglich ist, von der ersten bist zur letzten Reihe ein Gefühl zu transportieren, das mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Ihr wart an diesem Tag der fünfte Onkel. Ihr habt Euch selbst übertroffen und uns, vor allem aber mich damit von Lied zu Lied gepeitscht. Ich wollte euch an diesem Abend noch soviel sagen, aber ich kann mich nicht einmal mehr an ein einziges Wort meiner Schlussansage erinnern. Ich habe aber mit jeder Faser meines Körpers Eure Dankbarkeit und von Herzen kommende Begeisterung gespürt. Ich bin wahnsinnig stolz, das erlebt haben zu dürfen. Wir sind eine Familie, vielleicht sogar mehr als das, etwas das einem immer zur Seite steht. Mit VCT schrieben wir Geschichte und schlossen das Buch. Ein Buch, auf das wir Tausend Jahre gewartet haben. Pure Alchemie. Ich gehe, und das mit erhobenen Haupt und dem Wissen, dass es vorbei, doch nicht vergessen ist . Erzählt es Euren Kindern. Vaya con Tios und träumt so lange Ihr könnt. Bleibt frei. Danke für alles!!

Es tut W

Stephan

B.O.S.C. Gründungsschreiben (1993)

Juli 21st, 2014 | By Sarah

credits: Nina Stier

credits: Nina Stier

Offener Brief der Onkelz an MTV

Juli 20th, 2014 | By Sarah

Betr. MTV-Masters –“Böhse Onkelz“ am 21.07.01 um 17:00 Uhr auf MTV

Bevor wir auf das Thema „MTV-Masters“ eingehen, wollen wir alle, denen nach der Sendung der Kragen geplatzt ist, darum bitten, nicht , die Gästebücher anderer Bands mit unqualifizierten Bemerkungen vollzuschmieren. Sicherlich sind wir alle wütend über diesen Beitrag, aber Ihr disqualifiziert Euch selbst, wenn Ihr unreflektiert, auf diesen Homepages, Eure Wut ablasst. Wenn Ihr einen Beitrag zum Thema leisten wollt, dann bleibt cool und erklärt der Programmleitung von MTV, was Ihr von dem Beitrag haltet.

Offener Brief der Böhsen Onkelz und der B.O. Management AG and die Programmleitung von MTV

Wie wir alle wissen, ist es kein Hexenwerk, ein heikles Thema in der klassischen Tradition des dokumentarischen Journalismus anzugehen. Wie die Musikdokumentation „Pop 2000“, wie die Doku „Böhse Onkelz – gute Onkelz“ von Erika Kimmel oder die jüngst ausgestrahlte ARD-Reihe „Nach Hitler – Rechtsradikale rüsten auf“ von Jan Peter und Yuri Winterberg gezeigt haben, ist es sehr wohl möglich, brisante Fakten ohne Wertung darzustellen, um somit der Kernaufgabe, nämlich der Aufklärung, gerecht zu werden. Bei dem Thema „Böhse Onkelz“ kann es für einen Sender wie MTV keinen anderen Auftrag geben, als den, die Jugendlichen mit handfesten Informationen zu versorgen und so einen positiven Einfluß auf diejenigen auszuüben, die in dieser gewalttätigen Zeit nach rechts abzurutschen drohen. Um zu wissen, daß Ausgrenzung, Polemik und Polarisierung genau das Gegenteil bewirken, muß man nicht zwingenderweise Pädagogik studiert haben. In dieser Hinsicht hat Ihr Sender auf das Kläglichste versagt. Ohne nun auf die Onkelzdiskussion an sich eingehen zu wollen – dazu kommen wir später – muß hier einmal in aller Deutlichkeit geschildert werden, wie diese Dokumentation im MTV-Masters Format zustande gekommen ist.

Die mehr oder weniger sporadische Zusammenarbeit zwischen den Böhsen Onkelz und MTV geht bis in den Spätherbst 1993 zurück, als eine zickige und hoffnungslos uninformierte Birgit Herlidtschke von MTV während eines Interviews von Stephan Weidner aus der Garderobe geworfen wurde. Steve Blame, von Natur aus schon ein wenig lässiger, hatte mehr Glück, und somit entstanden einige durchaus erwähnenswerte Beiträge im Jahre ’94, als Stephan von Blame zu einer Diskussion über „Hate Rock“ während der MTV-Reihe „Free your mind“ eingeladen wurde. Nicht nur war dies der richtige Ansatz, als Stephan neben Campino und Nina Hagen über Hate Rock sprach, auch wurde damals bereits ein Onkelzstatement auf MTV eingeblendet, wie es deutlicher nicht sein konnte. Zur Erinnerung: „Wir wissen, daß die Geschichte der Onkelz, ihre Anfänge und ihre Weiterentwicklung in der Öffentlichkeit auf Skepsis und Mißtrauen stößt. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und weisen den Vorwurf ab, rechtsextremem Gedankengut zu folgen oder zu propagieren. Wir verurteilen: Rechten wie linken Terror, Gewalt gegen Minderheiten, Rassismus und Intoleranz. Die Böhsen Onkelz“. Das war vor 8 Jahren!!

Seit 1998 nun versuchte sich MTV den Böhsen Onkelz zu nähern. Ein weiteres Interview mit eindeutigen Aussagen wurde für MTV-Bulletin zusammengeschnitten, und zögernd begannen die Arbeiten am MTV-Masters, das ursprünglich bereits für das Frühjahr 2001 geplant war. Vereinbart war eine „redaktionelle Annäherung“, wobei der Focus auf der Kernchance liegen sollte, nämlich ein real existierendes, positives Beispiel für Veränderung klar und deutlich zu dokumentieren, ohne den gleichen ausgelatschten Pfaden der anderen Redaktionen zu folgen, heißen sie nun Viva, Spiegel, TAZ, Tip oder FAZ.
Daraus wurde leider nichts.

Fangen wir also an, Ihre mehr als peinliche und faktisch katastrophal falsche Off-Moderation zu analysieren.

„Von den Skins als Verräterband beschimpft, sieht die Öffentlichkeit trotz auffälliger Distanzierungsversuche, trotz Teilnahme an Konzerten zugunsten der Opfer rechter Gewalt, in ihnen noch immer die dumpfen, rechstradikalen Rocker. Wer wie die Böhsen Onkelz mit Songs wie „Türken Raus“ oder dem „Deutschlandlied“ bekannt geworden ist, wer auch heute noch in der Skinheadszene einen Kultstatus genießt, wie keine andere deutsche Band, der muss mit Vorwürfen leben und sich ihnen stellen.“
Gerade daß wir unseren Namen nicht geändert haben, bedeutet, daß wir uns den Vorwürfen stellen. Jeden Tag. Bitte entscheiden Sie sich für eine Variante, werden wir nun als „Verräterband“ beschimpft oder genießen wir einen „Kultstatus“, wie keine andere? Benjamin Reding, der „Oi-Warning“-Regisseur, über dessen Auftreten in Ihrem Beitrag wir uns sehr gewundert haben, spricht von „ziemlich hochgeschätzt“ 10.000 Skinheads in Deutschland, (der Verfassungsschutzbericht gibt 5000 Skinheads in der BRD an) von denen ungefähr 2/3, also rund 6000 mindestens eine Onkelz CD im Schrank stehen haben sollen. Da wir von jeder Neuveröffentlichung ca. 500.000 Einheiten verkaufen, und bereits 17 Alben veröffentlicht haben, stimmen hier die Verhältnismäßigkeiten nicht. Fast alle unsere Fans haben es satt, von den Medien immer und immer wieder in die rechte Prollschublade gestoßen zu werden. Wie Sophie Rosentreter in ihrer Anmoderation so eloquent behauptete, würden auch Fans zu Wort kommen. Nun, auf die haben wir vergeblich gewartet.
Stattdessen befragen Sie „die Ärzte“, anscheinend in einer Panikaktion (Micros vergessen? Treffen wir uns schnell im Keller und Ihr sagt etwas zu den Onkelz), die behaupten dürfen, sie hätten die Onkelz „während einiger „Szenerien“ 1983 auf den Chaostagen in Hannover gesehen. Rodrigo, der so plakativ und peinlich das Ärztebuch in die Kamera hält, mag ja bei den Chaostagen gewesen sein, denn Bela und Farin waren wohl noch zu klein, aber eins ist sicher, die Onkelz waren nie dort und wenn schon solche Dinge behauptet werden, dann sollten auch die entspechenden Belege folgen, auf die wir allerdings sehr gespannt sind.

Sie hielten es anscheinend nicht für nötig, auch nur ansatzweise auf das soziale Engagement der Band hinzuweisen. Sie haben es weiterhin versäumt, die vielen Distanzierungen der Band von der rechten Szene zu kommentieren, obwohl Sie von uns mit ausreichend Material zu dem Thema versorgt worden sind. Eine integre Persönlichkeit wie Frau Dr. Dagmar Lill, die Ausländerbeauftragte des Landes Bremen, unter deren Schirmherrschaft die Onkelz während Ihres Benefizkonzertes zusammen mit Sub 7even, Megaherz, Kreator und Destruction weit über 130.000,– DM für die Opfer rechter Gewalt einspielten, wurde nicht nur nicht erwähnt, sondern man hat ihre positiven und intelligenten Statements rausgeschnitten.

Bei der Auswahl der Songs legten Sie gezielt Wert darauf, möglichst viele Songs mit derben Texten einzubauen, ohne sich jedoch auf die vielen sozialkritischen Texte zu beziehen, die heute das Faszinosum Böhse Onkelz bei Jugendlichen aller Schichten ausmachen. Aber Regisseur Benjamin Reding, der, wie auch „die Ärzte“, Afrob und D-Flame, noch nie ein Wort mit den Onkelz gesprochen hat, darf weiterhin frei drauflos quatschen: „Die Ärzte sagen: Das was Du machst ist nicht OK ? und die Onkelz sagen: Das was Du machst ist OK, mach weiter so…“ Hat Reding die Texte der vielen Songs zu genau diesem Thema, wie z.B. „Nenn mich wie Du willst“, „Das Wunder der Persönlichkeit“, „Wer nichts wagt, kann nichts verlier’n“, „Entfache dieses Feuer“ oder „Schöne neue Welt“ noch nie gehört? Die Onkelz haben in ihrer zwanzig jährigen Karriere mehr kritische Songs abgeliefert, als irgend eine andere Band. Diesen Fakt einfach zu ignorieren, ist mehr als billig. Weiterhin erleutert Reding die Entstehung der Skinheadszene durchaus richtig und verweist auf die Verbindung der Londoner „Ur-Skins“ zur schwarzen Musikszene. Aber hatten nicht gerade die Onkelz als erste Skinheadband in Deutschland 1984/85 auf Ihren ersten beiden Alben zwei Ska-Stücke? Und sagt Kevin Russell in seiner Interviewsequenz nicht ganz eindeutig, wie er die Einmischung der rechten Szene damals empfunden hat?

Kommen wir nun zu einem weiteren groben Schnitzer:
„Der Labelchef von Aggressive Rock Produktionen (heute Noise) Karl Walterbach nahm die Böhsen Onkelz angesichts der zunehmenden Kritik von seiner Compilation „Soundtracks zum Untergang. Prompt stand die versammelte Band bei Walterbach vor der Wohnungstür und drohte diese einzutreten, wenn Walterbach sich nicht gesprächsbereit zeigte. Die Böhsen Onkelz erschienen nie wieder auf seinem Label.“
Dürfen wir das an dieser Stelle einmal kurz aufklären? Karl Walterbach hat die Compilation 1982 zusammengestellt, und die Onkelz waren mit zwei Tracks vertreten. Karl Walterbach hatte damals alle beteiligten Punkbands auf’s Übelste über den Tisch gezogen. Die Onkelz sind nicht etwa nach Berlin gefahren, weil Karl Walterbach sie womöglich von der Compilation genommen hat, was ja auch nicht der Fall war, sondern, weil er sich nicht an die finanziellen Absprachen hielt. Und zu Ihrer Information: Seit die Onkelz mit Ihren Verkaufszahlen die 250.000er Marke überschritten haben, hat Walterbach die Compilation in CD-Form neu aufgelegt. Der Name Böhse Onkelz steht zwar nicht in dem Booklet oder auf dem Cover, des guten Eindrucks wegen, dennoch sind die beiden Titel nach wie vor darauf zu hören. Eine Lizenzabrechnung liegt uns allerdings bis zum heutigen Tage nicht vor.

Nächstes Stichwort: „Der nette Mann“
„Ob aus Naivität oder aus taktischen Gründen: Die Botschaft der Böhsen Onkelz ging eindeutig nach hinten los. Die Provokation forcierte keine Diskussion über ein brisantes Thema. Was blieb, war allein der Skandal“
Nun auch noch auf eine verknöcherte Alt-Herren-Riege, wie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eingehen zu wollen, würde den Rahmen sprengen. Aber Ihnen bei MTV sei gesagt, daß Sie froh sein können, daß diese alten Männer kein Englisch sprechen, denn sonst wären die bei Ihnen täglich rotierenden gewaltverherrlichenden Texte der Gangsta-Rap-Videos schon längst Gegenstand eines schleunigst einberufenen Treffens. Wer im Glashaus sitzt… Belassen wir es also dabei, daß die Böhsen Onkelz mit diesem derben Song „Der nette Mann“ an einem Tabu gerüttelt haben, und keiner es hören wollte, weil man bis heute lieber die Augen verschließt, als der Sache auf den Grund zu gehen.

„Da die Kritik an ihren Inhalten und ihrem Verhalten die Böhsen Onkelz eher nervt, als zum Nachdenken anregt, stösst auch die immer wieder geforderte Namensänderung als Zeichen der Abkehr vom alten Image auf rigorose Ablehnung.“
Stephans Aussagen zu diesem Punkt sprechen wohl für sich. Wir können uns gut vorstellen, daß sich im Falle einer Namensänderung genau die gleichen Medien, sofort zu Wort melden würden, um genau diesen Schritt als Heuchelei zu kritisieren. Was uns nervt ist übrigens nicht die Kritik an unseren Inhalten, denn Sie hören sich die Songs ja gar nicht erst an. Was uns nervt ist, daß Sie behaupten, Sie würden wissen, was in unseren Köpfen vorgeht. Was uns weiterhin nervt ist Ihre maßlose Arroganz mit der Sie hier, entgegen allen Absprachen, den Weg des geringsten Widerstandes gehen.

„Dennoch stellt sich die Frage, warum gerade die Böhsen Onkelz so grosse Resonanz in der rechten Szene finden.“
Wie groß ist denn diese Resonanz und wie würde sie sich messen lassen? Wir sind uns bewußt, aufgrund unserer Historie eine gewisse Attraktivität auf diese Szene auszuüben. Wir sind uns ebenfalls bewußt, vor 18 Jahren zwei Songs mit ausländerfeindlichen und zwei Songs mit übertriebenen patriotischen Inhalten geschrieben zu haben. Wir sind uns ferner bewußt, Teil einer Szene gewesen zu sein, die sehr schnell in eine falsche Richtung abgerutscht ist, die sich politisch hat vereinnahmen lassen und die ihre ureigensten Werte innerhalb kürzester Zeit verleugnete. Wir hätten uns vielmehr gewünscht, daß Sie den Reifeprozess, den wir durchlebt haben anerkennen, daß Sie die Möglichkeit, einen positiven Einfluß auf Jugendliche auszuüben erkannt hätten, und daß Sie endlich damit aufhören, jugendliche Subkulturen gegeneinander aufzuhetzen.
Sie erhielten von uns Material, daß sich klipp und klar mit der Distanzierung der Böhsen Onkelz von jeglichem rechten Gedankengut beschäftigt, Material, daß bis in die Mitte der achtziger Jahre zurückreicht. Warum haben Sie diese Informationen den Zuschauern vorenthalten? Warum treiben Sie stattdessen mit Ihrer defizitären Berichterstattung die gefährdeten Jugendlichen weiterhin in die rechte Ecke und nehmen ihnen jede Chance, dort rauszukommen.

„Ihre Vergangenheit, die eigene Stilisierung als Opfer und auch die selbstgerechte Art ihrer neueren Texte sind daran nicht unschuldig.“
Ein Opfer ist jemand, der sich nicht wehren kann. Das trifft auf uns nicht zu. Wir können uns wehren und werden das auch weiterhin tun. Wenn von 9000 Presseartikeln über einen Zeitraum von 20 Jahren, 8800 Artikel falsch, schlecht oder gar nicht recherchiert worden sind und sich die Diskussion um die Böhsen Onkelz 15 Jahre (!) lang im Kreis dreht, kann wohl kaum von „Stilisierung“ die Rede sein. Wenn es die Definition von „Selbstgerechtikeit“ neuerdings beinhaltet, daß man sich gegen Verleumdung zur Wehr setzt und sich nicht alles gefallen läßt, dann sind wir gerne selbstgerecht und haben kein Problem damit, wenn man uns so nennt. Anders ausgedrückt: Sie hatten die Chance, ein einzigartiges Phänomen in der deutschen Musikgeschichte zu beleuchten und haben versagt.

Sie haben ausschließlich Personen interviewt, die noch nie Kontakt zur Band hatten. Wenn Sie schon Protagonisten aus anderen Szenen brauchen, warum fragen Sie nicht Moses Pelham, Marc Spoon oder Sven Väth, die die Onkelz seit 13 Jahren persönlich kennen? Wo blieben die Interviews mit Alice Schwarzer oder Daniel Cohn-Bendit, mit Sub7even oder Megaherz, die sich alle mit dem Thema auseinandergesetzt haben und zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind?

Ziehen wir also nun das Fazit Ihrer mehr als armseligen Berichterstattung.

Die im heutigen Klima dringend benötigte Chance, Jugendlichen ein Beispiel zu geben, sie in den Prozess von Integration und Toleranz mit einzubeziehen, eine Brücke auch innerhalb der Musikzene zu schlagen, wurde von Ihnen mit Füßen getreten. Alle Statements der Böhsen Onkelz in diesem Beitrag sind eindeutig und sprechen ein deutliche Sprache, werden jedoch bei jeder nur denkbaren Gelegenheit durch Ihre Off-Moderation als unglaubwürdig und verlogen dargestellt. Ihrer Redakteurin, die vor 1,5 Jahren begonnen hat, diesen Beitrag zusammenzustellen, die von uns mit Informationen, Interviews, Ton- und Bildmaterial versorgt wurde, haben Sie zwei Tage vor der Ausstrahlung die gesamte Kontrolle über die Sendung entzogen. Das braucht man eigentlich nicht mehr zu kommentieren. Mögliche positive Aussagen Dritter wurden aus dem Beitrag geschnitten und Wahrheiten wurden weggelassen, und jetzt behauptet Ihr stellvertretender Musikchef unverschämterweise, der Beitrag sei ok, MTV hätte sich „weit aus dem Fenster gelehnt“. Glauben Sie ernsthaft, wir hätten eine Promotion wie diese Sendung nötig gehabt? Wir sind ohne die Hilfe von MTV und VIVA bis an die Spitze der deutschen Charts gelangt, und letztendlich sind Sie auf uns zugekommen. Uns ging es von Anfang an, um die Aktzeptanz unseres Reifeprozesses, darum, weiterhin unseren Fans vermitteln zu können, daß Gewalt und Hass nicht der Weg sind, darum, daß sich jeder auf einen Weg der Annäherung und der Toleranz begibt. Das Geltenlassen anderer Ansichten sind die Grundprinzipien der von den Medien ständig geforderten Demokratie. Sie konnten sich nicht einmal redaktionsintern auf eine klare Linie einigen. Sie machen eine junge Angestellte für ihre internen Uneinigkeiten verantwortlich und liefern eine verlogene Propaganda ab, die vor lauter erbärmlicher Selbstgerechtigkeit und opportunem Billigstjournalismus schon fast stinkt. Der letztendlich ausgestrahlte Beitrag trägt zur Lösung der Probleme innerhalb der jugendlichen Subkulturen jedenfalls nicht bei. Unnötig zu erwähnen, daß die Zusammenarbeit zwischen den Böhsen Onkelz und MTV hiermit beendet ist. Um es mit einem ganz einfachen und vulgären Satz auf einen Punkt zu bringen:
Lecken Sie uns am Arsch!

Die Onkelz
Das Management
und die Fans