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Edmund Hartsch und die Böhsen Onkelz

August 1st, 2014 | By Sarah

Edmund Hartsch über seine erste Begegnung mit den Böhsen Onkelz
(veröffentlicht auf onkelz.de)

Im Juni 1987 gingen Stephan und Pe in einen Skateboardladen in Frankfurt-Bockenheim, um sich Sticker amerikanischer Skateboardfirmen zu besorgen, von denen sie gehört hatten, dass die eventuell als gute Tattooinspirationen herhalten könnten. Viel Knochen und Gedärme, Schädel, Kreuze, Schwerter und Wikingerhelme gab es dort auf Abziehfolie. Der Typ im Laden sah die beiden Tätowierten reinkommen und dachte sofort an Ärger. Entgegen den schlimmsten Befürchtungen kamen die drei ins Gespräch und nach zehn Minuten war es eine grölende Runde. Heftige Zoten und lautes Lachen verscheuchten die restliche Kundschaft. Es stellte sich heraus, dass der Typ, dem der Laden gehörte, neu in Frankfurt war, dass er den Laden erst seit ein paar Wochen hatte und mit seiner farbigen Freundin zusammenwohnte.

Pe und Stephan mochten den Typen, und der Typ, der nicht viele Leute in Frankfurt kannte, mochte die beiden. Von den Böhsen Onkelz hatte er noch nie gehört. Sie sagten ihm, daß sie eine Kultband der Skinheads und Hooligans seien, daß sie aber keinen Bock mehr darauf hätten und seit etwas mehr als einem Jahr andere Musik machten und sich weiterentwickeln wollten. Sie schenkten ihm eine „Onkelz wie wir“, erklärten ihm den Sinn der Lieder und erzählten ihm ihre Geschichte. Der Skateboardladenbesitzer war nicht voreingenommen und er hatte keinen Grund, an ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln. Was hatte der schon mit Skinheadmusik zu tun? Der hatte lange Haare und zerrissene Jeans, war nicht tätowiert und kam aus einer ganz anderen Richtung. Der hörte Funk und Hip Hop und wenn’s hoch kam ein paar alte Punkscheiben, aber nur amerikanisches Zeug. Stephan, Pe und der Typ wurden trotzdem richtig gute Freunde, und sie grüßten ihren neuen Freund auf ihrer nächsten Onkelzplatte „Kneipenterroristen“. Obwohl sie nie zusammen saufen gingen und der Typ den Rest der Band, Kevin und Gonzo, erst zwei Jahre später kennenlernte, trafen sie sich oft. Die Freundschaft bezog sich eher auf gemeinsames Abhängen und Reden, bei Stephan und seiner Frau zu Hause oder bei dem Typen und seiner Freundin. Später nahm der Typ Stephan mit zum Snowboardfahren in die Berge, und nach und nach wurde Stephan richtig sportbesessen.

Snowboardfahren, Tauchen, Surfen. Einmal fuhren der Typ, Stephan und sein Freund Trimmi und ein ganzer Haufen Frankfurter nach Österreich, und es hatte nicht lange gedauert, da flogen sie aus den Hotels raus und hatten Hausverbot in der Dorfdiskothek. Die Freundschaft ging so weit, dass Stephan in die Skateboardgeschäfte miteinstieg und mit dem Typen einen neuen, größeren Laden eröffnete. Dieser Laden wurde schnell zu einem Magneten für die verschiedensten Szenen. Snow- und Skateboardfahrer, Musiker und Frankfurter DJs, Rocker, Tätowierer und Onkelzfans. Während dieser Phase komponierte und textete Stephan für die „Es ist soweit“. Der Typ turnte Stephan auf Snowboardfahren und Surfen an, und Stephan turnte den Typ auf Bad Religion, Suicidal Tendencies, Danzig und Onkelz an. Irgendwann wurde es dem Typen in Frankfurt zu anstrengend. Obwohl er die besten Freunde gefunden hatte, trieb es ihn in die Ferne, und außerdem gingen ihm die Gewalt und die harten Drogen in Frankfurt ziemlich auf den Sack, und er war auch nicht mehr mit seiner Freundin zusammen und verkauft hatte er alles, was er besaß, und im Oktober 1990 brach er mit zwei Freunden zu einer langen Weltreise auf. Kurz vor seiner Abreise wurde Trimmi, der beste Freund der Band getötet. Kurz nach seiner Abreise sprang einer seiner Skateboardfreunde mit seinem Board aus dem 4. Stock und war auf der Stelle tot.

Ein anderer hatte sich mit Heroin überdosiert und war in seiner Wohnung verfault, bevor man ihn fand. Es war so Scheiße. Stephan erledigte die Geschäfte nun alleine, besuchte den Flüchtling in der Karibik und ließ ihm ein Demo der „Wir ham´ noch lange nicht genug“ nach Australien hinterherschicken. Dort rastete der Typ mit seinen Freunden richtig aus, als er das Tape zum ersten Mal hörte. Sie saßen in einer Holzhütte im Dschungel, rauchten dicke Bongs und ließen es vor und zurück laufen und sangen immer wieder… „Vom Himmel in die Hölle und von der Hölle ganz hinauf…“ Sie waren komplett aus dem Häuschen vor Begeisterung und drehten in ihrer Hütte völlig ab. Der Typ vermisste Stephan und die Onkelz sehr, dennoch blieb er fort, er war auf der Suche nach anderen Dingen. Stephan schloss darauf bald den Skateboardladen für immer und konzentrierte sich ausschließlich auf die Arbeit mit der Band. Die Böhsen Onkelz wurden immer erfolgreicher, und als der Typ endlich von seiner Reise zurückkam, konnten er und seine Freunde den Mund nicht zu kriegen, so erstaunt waren sie über die Dimension, die das Thema Böhse Onkelz angenommen hatte, und so erschrocken waren sie über die Vorgänge in Deutschland. Sie waren 16 Monate fort gewesen, und es hatte sich einiges verändert. Deutschland war für sie nicht mehr dasselbe, es war zu einem Land unter vielen geworden. Sie hatten die Welt umrundet und waren auf freundlichere Menschen gestoßen und auf mehr Wärme. Als sie zurückkamen, war es Februar, es war kalt und Scheiße, und auch die Menschen waren kalt und Scheiße. Stephan war der erste, den sie nach ihrer Rückkehr sehen wollten, und sie trafen sich in Düsseldorf, und Stephan war genauso wie zu der Zeit, als der Typ aufgebrochen war und wie zu der Zeit, als sie sich kennengelernt hatten, offen und geradeheraus. Das war´s wohl gewesen, was der Typ auf der Reise am meisten vermisst hatte und am meisten gesucht hatte.

Ich bin mir sicher, dass es so gewesen ist, denn ich war dieser Typ.

Edmund Hartsch – Juni 1987

Böhse Onkelz -Runderneuert (RockHard, 2002)

August 1st, 2014 | By Redaktion

Böhse Onkelz – Runderneuert
(erschienen in der Rock Hard am 20.03.2002)

In Ibiza aufgenommen, in London abgemischt – aus den BÖHSEN ONKELZ, die ihren Firmensitz nach wie vor in Frankfurt haben, wird allmählich eine international arbeitende Band. Natürlich hat sich die neue Umgebung auch auf die Musik der Jungs ausgewirkt – und so staunten Thomas Kupfer und Götz Kühnemund nicht schlecht, als ihnen Stephan Weidner (b) und Gonzo Röhr (g) die neuen Songs in Frankfurt präsentierten.

Ihr habt diesmal in Ibiza aufgenommen und dabei eine ganz andere Arbeits-Atmosphäre kennen gelernt, was man dem neuen Album ja auch deutlich anhört…

Stephan (laut lachend): »Kein Wunder, wenn man nackt am Strand aufnimmt, oder?« 

Im Ernst: Die Scheibe klingt viel positiver als „Ein böses Märchen…“, und Kevin singt viel mehr. 

Stephan: »Stimmt. Und es gibt noch eine weitere Änderung, die ihr gar nicht bemerkt habt…« 

Welche denn? 

Stephan: »Bei den Texten liegen alle Reime auf 1 und 2 – und nicht wie sonst auf 2 und 4. Auf sowas achtet ihr gar nicht, was? Da geht ihr so lapidar drüber weg, als ob das alles unwichtiger Scheißdreck wäre, den ich da fabriziere!« (Gelächter)

Wir werden nachprüfen, ob das stimmt… 

Stephan: »Fragt doch lieber mal, warum ich diesmal so getextet habe!« 

Also gut: Warum? 

Stephan: »Ich hatte gar keine andere Wahl. Die Songs hätten zum Teil gar nicht anders umgesetzt werden können. Irgendwann hab ich dann gemerkt, dass sich das wie ein roter Faden durch die ganze Platte zieht. Das hab ich früher ganz selten gemacht, weil man beim 2-4-Schema einfacher auf den Punkt kommt, denn 1 und 3 müssen sich ja nicht unbedingt reimen…« 

Soso. Warum habt ihr denn in London, noch dazu im renommierten Abbey Road-Studio, abgemischt?

Stephan: »Wir wollten das Album eigentlich von Ebby Thust, dem alten Boxpromoter, mischen lassen, aber der sitzt ja dauernd in der Kiste. Also sind wir stattdessen ins Abbey Road-Studio gegangen – um bei Ebby zu bleiben, hahaha!«

War das ein Kindheitstraum für euch? 

Gonzo: »Ja, das kommt hin. Wir wollten einfach mal in einem anderen Studio abmischen statt schon wieder in unserem eigenen, weil wir da leider ein paar Frequenz-Schwierigkeiten haben. Also mussten wir uns überlegen, wohin wir gehen. Zuerst war New York im Gespräch, aber im Endeffekt fiel die Wahl dann auf London. Das hat der Produktion sicher auch noch mal eine zusätzliche Klangfarbe gegeben.«
Stephan: »Eigentlich war der 11. September ausschlaggebend dafür, dass wir uns gegen New York entschieden haben. Wir wollten nicht in der Misere der Leute dort rumstapfen, zumal uns die momentane Stimmung dort sicher auch runtergezogen hätte.« 

Wie „positiv“ dürfen die Onkelz denn überhaupt klingen, ohne dass ihr eure Fans vergrault? 

Gonzo: »Da ist ganz allein unser eigener Musikgeschmack entscheidend, Grenzen von außen gibt es für uns nicht. Und da unsere Stimmung natürlich von Produktionsphase zu Produktionsphase wechselt, ändert sich auch die Musik.«

Seht ihr euch also eher im Lager der Metallicas dieser Welt, sprich der Bands, die Narrenfreiheit besitzen? 

Stephan: »Ich weiß gar nicht, was die Leute immer mit Metallica haben! Ich find, dass die immer noch echt heavy sind. Okay, eingefleischte Metalheads hören sowas vielleicht nicht mehr – und denen klingen die Onkelz inzwischen wahrscheinlich auch zu positiv. Aber das interessiert mich gar nicht. Unsere Musik ist ´ne Sache des Gemüts und der Verfassung. Wenn ich mich gut fühle, dann hör ich auch gerne mal ´n Pop-Punk-Stück – und wenn´s mir scheiße geht, dann eben Type O Negative. Wär´ ja schlimm, wenn ich mich da limitieren würde. Wenn ich mich supergeil fühle, hör ich auch gern mal Reggae und schrubbel mir einen!«

Kevins Gesang lässt darauf schließen, dass er sich heutzutage sehr viel ausgeglichener fühlt als früher. Richtig oder falsch?

Stephan: »Das ist natürlich immer auch ´ne Frage des Songwritings. Wenn man Kevin die Möglichkeit gibt, relaxter zu singen statt ständig hart zu röcheln, dann klingt das Ergebnis natürlich anders. Es ist ´ne Kombination aus allem. Jeder von uns hat diesmal einfach etwas mehr aus sich herausgeholt als sonst.« 
Gonzo: »Vielleicht hat sich auch die Tatsache ausgewirkt, dass wir vor ein paar Jahren den ersten Schritt ins Ausland gewagt haben. Vielleicht ist das Songwriting dadurch auf eine etwas internationalere Ebene gerutscht. Es fühlt sich so an, als wären wir aus einer Art Korsett befreit worden, so dass wir jetzt überall auf der Welt arbeiten können, wo´s uns gerade Spaß macht. Das wirkt sich natürlich positiv aus und lässt dich auch als Mensch reifen.« 

Wie wichtig ist euer Co-Producer Michael Mainx?

Stephan: »Er ist inzwischen schon ein echter Onkel geworden, das kann man ja gar nicht anders sagen. Er ist in jede Produktionsphase involviert, arbeitet zum Teil auch aktiv an den Songs mit, hat ein geiles, analytisches Gehör und ist einfach ein wichtiger Einfluss in allen Bereichen.« 
Gonzo: »Gerade bei unserer Art zu arbeiten kommt es sehr auf den Typen an. Wenn du da zu dritt sitzt und jammst, und du kennst den Engineer nicht gut genug, dann hättest du doch ´ne kleine Hemmschwelle. Das Jammen ist ja eine sehr intime Art zu arbeiten, und da ist Michael sehr hilfreich.« 
Stephan: »Wenn ´ne fremde Person dabei ist, spielst du wahrscheinlich das, was du kannst. Du willst dich ja nicht blamieren. Erst wenn du jemanden näher kennst, traust du dich, mehr zu geben – in jeglichen Bereichen, in der Musik genauso wie im Zwischenmenschlichen. Da kommt es dann eher vor, dass man auch mal experimentiert.« 

Ihr engagiert euch immer wieder für verschiedene soziale Projekte, die ihr über eure Homepage bewerbt. Was genau passiert da? 

Stephan: »Wir gehen nicht gerne damit hausieren, aber wir versuchen schon, unsere Fans für gewisse Dinge zu interessieren. Momentan läuft zum Beispiel ein Afghanistan-Projekt, das denjenigen über den Winter helfen soll, die überhaupt nichts mit dem ganzen Terror zu tun haben. Wir verkaufen spezielles Merchandise, sammeln Geld und wollen nebenbei auf das Elend aufmerksam machen. Einer unserer Busfahrer, der Haron, ist Afghane und direkt von diesem Thema betroffen, was ein wichtiger Ansporn für uns war.«

Ihr verkauft spezielle T-Shirts, deren Erlös dann gespendet wird? 

Gonzo: »Genau. Je mehr T-Shirts wir verkaufen, desto besser. Das Geld geht u.a. auch an ein Kinderdorf in Peru, das wir seit einiger Zeit unterstützen. Wir wollen aber nicht, dass diese Projekte in blinden Aktionismus ausarten. Es soll schon was Besonderes bleiben – damit auch die Leute das Gefühl haben, mit ihrem Beitrag was Besonderes getan zu haben. Es geht uns auch nicht darum, mit solchen Aktionen Sympathiepunkte für die Onkelz zu sammeln.« 

Ihr habt euch auf eurer Homepage etwas über die elitäre Einstellung gewisser Onkelz-Fans, des harten Kerns eures Fanclubs B.O.S.C. nämlich, echauffiert. Da habt ihr sicher auch ein paar echte Die-hard-Fans vor den Kopf gestoßen. 

Stephan: »Es ist natürlich nur ´ne Minderheit in unserem Fanclub, der extrem die Welle gemacht hat. Uns hat´s einfach gestunken, dass wir diesen Leuten durch den limitierten B.O.S.C.-Zugang die Möglichkeit gegeben haben, sich über unsere anderen Fans zu stellen – als würd´s bessere und schlechtere Fans geben. Das ist natürlich nicht fair. Diese „Elite-Fans“ haben ja nichts Besonderes geleistet, sondern waren einfach zur richtigen Zeit – nämlich zur Gründung des Fanclubs – am richtigen Ort.« 

Welche Probleme gab´s denn da genau? 

Stephan: »Es ging um unsere alljährliche B.O.S.C.-Party, wo wir unsere Fanclub-Mitglieder einladen, Autogramme geben etc. und für die wir beim letzten Mal eine relativ große Location anmieten mussten. Um unsere Kosten wenigstens zum Teil wieder einzuspielen, haben wir die Restkarten für diese Party regulär verkauft, womit einige B.O.S.C.-Mitglieder nicht einverstanden waren. Ich finde aber, darüber hat sich niemand zu beschweren, denn wir pumpen schon genug Kohle in unseren Fanclub. Naja, im Endeffekt müssen wir den B.O.S.C. auf eine andere Ebene stellen und anders strukturieren, um solches Elite-Denken unter unseren Fans zu verhindern. Wie das genau aussehen wird in Zukunft, steht aber noch nicht fest.« 

Ihr werdet immer wieder auf eure „Sozialarbeiter-Funktion“ angesprochen, die sich zwangsläufig aus eurer Geschichte ergibt und die ihr ja selbst – zum Beispiel in eurem Offenen Brief an MTV (s.a. RH No. 1/02) immer wieder herausstellt. Es war da die Rede von einer verpassten Chance, gesellschaftlichen Außenseitern ein gutes Beispiel für positive Wandlung präsentieren zu können. Es war auch mal die Rede von einem ostdeutschen Jugendheim, das ihr aufbauen wolltet. Was ist daraus geworden?

Stephan: »Die Sache läuft. Es gibt konkrete Gespräche, aber wir suchen immer noch ein Gebäude, das unseren Vorstellungen entspricht. Wir hoffen, da bald konkreter werden zu können. Wir wissen jedenfalls um unsere Vorbildfunktion – und die nutzen wir auch gerne, wenn wir damit was ausrichten können. Der Anlass, weshalb wir uns auf MTV zubewegt haben, war nur der, dass wir gesagt haben: Es ist wichtig, Leute nicht weiter in Ecken zu drängen, was ja fast alle Medien machen. Es ist falsch, Leute nicht aus ihrer rechten Ecke herauskommen zu lassen und alle über einen Kamm zu scheren. Ein Jugendlicher ist noch lange kein verbohrter Rechtsradikaler, nur weil er irgendwo provoziert hat. Man muss den Leuten immer noch die Möglichkeit geben, aus dieser Ecke heraus zu kommen. Man muss ihnen zeigen, dass es da noch einen anderen Weg gibt. Wenn man sie dagegen an die Wand drängt, werden sie nur noch aggressiver. Das heißt jetzt nicht, dass irgendwelche Probleme unter den Teppich gekehrt werden sollen – aber es bringt doch offensichtlich auch nichts, immer nur zu verdammen und Feindbilder aufzubauen. Die Fronten sind inzwischen so verhärtet, dass es gar keine Gesprächsmöglichkeiten mehr gibt. Und an diesem Punkt wollten wir zeigen, dass wir aus einer solchen scheinbar ausweglosen Situation – egal, wie hart sie nun in unserem Fall gewesen ist – herausgefunden haben. Ich kann niemandem verübeln, wenn er die Onkelz früher aufgrund gewisser Texte für rechtsradikal gehalten hat – aber man muss auch sehen, dass wir dazugelernt haben und vielen Leuten ein Beispiel sein können. Die Medien dagegen schüren ihr Feuer, bauen sich ihre Feindbilder auf und sind selbst genauso intolerant wie diejenigen, gegen die sie kämpfen. Das ist gezielte Hetze, denn ohne Fronten gibt es keine Schlagzeilen – und das mein ich nicht nur in politischer, sondern in jeglicher Hinsicht.« 
Gonzo: »Es geht doch auch voll am Leben vorbei, wenn die Medien immer wieder dasselbe Gesülze ablassen. Wenn sie einen 17-jährigen als rechtsradikal abstempeln, wissen sie doch nichts vom Leben. Der 17-jährige ist in zwei Jahren 19 und hat dann vielleicht ´ne ganz andere Meinung, die konträr zu dem sein mag, was er jetzt sagt. Also: Über was schreiben die denn eigentlich? Das orientiert sich doch nicht am wahren Leben. Das ist reine Stimmungsmache, die bestimmten politischen Gruppen nutzen soll.« 

Inwieweit seid ihr selbst denn bereit, eure Feindbilder – von der Presse bis zu den Toten Hosen – abzubauen? 

Stephan: »In erster Linie war es die Presse, gegen die wir uns immer gewehrt haben – und zwar zu Recht. Aber lassen wir die Onkelz mal ganz beiseite: Wer die täglichen Medien studiert und etwas zwischen den Zeilen liest, wird schnell feststellen, dass das, was da abgeht, mit seriöser Recherche wenig zu tun hat. Das ist, wie Gonzo schon gesagt hat, nichts weiter als Stimmungsmache. Jeder schreibt für sein Klientel. Lies fünf verschiedene Zeitungen, und du wirst fünf verschiedene Berichte über denselben Vorgang lesen. Wer nicht zwischen den Zeilen bzw. alle fünf Zeitungen lesen kann, hat gar nicht die Möglichkeit, die Wahrheit heraus zu filtern.«
Gonzo: »Es ist Illusion, zu hoffen, dass es eine faire Berichterstattung – losgelöst von allen Einflüssen – geben könnte. Sowas gibt´s nicht. Man muss selbst etwas dafür tun, sich eine unabhängige Meinung bilden zu können. Jeder muss bei sich selbst anfangen.« 
Stephan: »Genau. Jeder muss sich selbst hinterfragen, wie toleranzbereit er denn eigentlich ist. Diejenigen, die sich als besonders tolerant hinstellen, sind oft die krassesten, intolerantesten Arschlöcher überhaupt – allen voran die Antifa. Ich sag nicht mal, dass die fehlgeleitet oder schlecht motiviert sind. Im Gegenteil: Antifaschismus ist ´ne gute Sache, für die ich jederzeit kämpfen würde. Aber die Art und Weise, mit der die Antifa ihre Ziele verfolgt; die Mittel, die eingesetzt werden, um Ergebnisse zu erzielen – das ist für mich der pure Faschismus.« 

Welche Schlüsse ziehst du für dich selber daraus? 

Stephan: »Ich versuche gerade, ein Projekt in die Wege zu leiten, das sich genau mit diesem Thema auseinander setzt. Mir schwebt da ein Zeichen vor, das Toleranz symbolisiert und das wir so weit wie möglich verbreiten müssen – über Magazine, Anzeigen, T-Shirts und so weiter. Jeder, der dieses Zeichen irgendwo sieht, sollte sich daran erinnern, dass man sich ja mal etwas toleranter als sonst verhalten könnte. Je weiter dieses Zeichen verbreitet wird, desto mehr Leute werden daran erinnert, dass man tolerant sein soll. Wie viele Leute reden darüber und wissen gar nicht, was das bedeutet? Deshalb muss man sie immer wieder daran erinnern, was es heißt, tolerant zu sein. Das wär´ ein Projekt, auf das ich tierisch Bock hätte. Niemand dürfte an solch einer Sache verdienen, und jeder – egal, aus welchem Lager – müsste sich irgendwie einbringen. Wir könnten zum Beispiel einen günstigen Merchandiser anbieten und 100.000 T-Shirts drucken lassen. Jemand anders hat vielleicht die Möglichkeit, Sticker herzustellen. Das Zeichen müsste auf jede mögliche Art und Weise – übers Internet, auf der Straße oder sonstwo – verbreitet werden. Nicht nach dem Motto „Keine Macht den Drogen“, sondern auf coole Weise, verbreitet von coolen Leuten. Sven Väth, Marc Spoon, wir – alle, die in ihrer jeweiligen Szene irgendwas ausrichten können, sollen mitmachen.«

Ihr sagt ja selbst: Jeder muss bei sich selbst anfangen. Also: Welche Feindbilder könnt ihr selber abbauen? 

Stephan: »Ich geb zu, dass es Onkelz-typische Feindbilder gibt – aber ich maß mir auch nicht an, der toleranteste Mensch der Welt zu sein. Diejenigen, über die wir sprechen, haben aber nichts Besseres zu tun, als auf andere einzudreschen. Mir kann man sicher nachsagen, nicht immer tolerant gewesen zu sein, aber ich versuch mich zu ändern. Ich versuch mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich oft intolerant war und es heute auch oft noch bin, und versuch es nach und nach abzustellen. Es gibt sicher auch ´ne Schwelle der Toleranz, mit der ich mich echt schwer tue – aber es wäre ja auch vermessen, alle Leute gleich machen zu wollen. Was zählt, ist der Gedanke. Wir müssen einfach lernen, dass wir uns nicht ständig auf die Fresse hauen können, nur weil wir anders aussehen oder andere Ansichten haben. Es geht darum, dass wir auch andere Ansichten akzeptieren müssen – ob die uns nun schmecken oder nicht. Wir müssen die Gewalt abbauen.« 

Campino hat euch im Toten Hosen-Interview der letzten Ausgabe vorgeworfen, genau das Gegenteil zu tun – nämlich eure Fans gegen die der Hosen aufzuhetzen. 

Stephan: »Das ist doch Quatsch. Die Hosen haben damit angefangen, keine Onkelz-Fans in ihre Konzerte zu lassen. Da gab´s ganz klare Anweisungen an die Hosen-Security. Ich meine, Toleranz fängt ganz woanders an… Ich bin auch nicht der Meinung, dass wir unsere Fans aufhetzen. Im Gegenteil: Wir haben eingesehen, dass das Ganze ´ne Dynamik annimmt, die mit unserer Intention nichts mehr zu tun hat, und wir versuchen auch gegenüber unseren Fans, die Emotionen aus diesem Ding rauszunehmen. Es darf auf keinen Fall zu hoch gespielt werden. Was wir damals in ´Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben´ gesagt haben, haben sich die Hosen allerdings über Jahre verdient. Da müssen sie sich nicht wundern. Wir haben den Scheiß nicht angefangen – und wir wollten auch nie Fans aufeinander hetzen.« 

Warum habt ihr euch für Sub7even als Support eurer anstehenden Tour entschieden? 

Stephan: »Mit Sub7even haben wir gute Erfahrungen beim „Gegen Gewalt“-Festival in Bremen gemacht. Wir fanden die Jungs total nett, und sie sind auch prima bei unseren Fans angekommen. Als die Tour-Anfrage kam, haben wir deshalb spontan ja gesagt. Außerdem geh ich mit dem Daniel (Sub7even-Sänger – Red.) gern mal einen saufen.« 

Es gab in letzter Zeit mehrere negative Leserbriefe zum Thema Onkelz im Rock Hard – angefangen beim Vorwurf des Ausverkaufs bis hin zum MTV-Streit. Was sagt ihr dazu? 

Stephan: »Worauf ich wirklich empfindlich reagiere, ist das Thema Abzocke. Wir verdienen gutes Geld, das wollen wir gar nicht in Frage stellen – aber wir könnten noch viel mehr verdienen, wenn wir wirklich alles ausschlachten würden. Natürlich war es etwas unglücklich, dass es in letzter Zeit so viele Live-Veröffentlichungen von uns gab – aber das lag ja letztlich an den besonderen Events wie z.B. der Jubiläumsparty, die man nicht verschieben kann. Ein 20-jähriges Jubiläum feiert man nicht alle Tage – und ich seh es auch nicht als Abzocke an, ein Dreifach-Album rauszubringen, wo wir unseren alten Companies zum Teil noch Rechte für bestimmte Songs abkaufen mussten. Wir hätten das betreffende Material auch einfach runterlassen können und hätten wahrscheinlich genauso viel verkauft. Wir wollen aber immer geile Sachen abliefern und auch technisch das Nonplusultra an den Start bringen – was immer viel, viel teurer ist, als die Leute denken. Wenn man technisch innovative Wege beschreitet, kostet das ´nen Haufen Geld. Deshalb ärgere ich mich über den Vorwurf der Abzocke. Wir verarschen schließlich niemanden.« 

Charakterisiert euch abschließend doch bitte mal gegenseitig. 

Gonzo: »Stephan ist ein Musikverrückter, der unheimlich hart arbeitet und von jedem 150 Prozent fordert. Ich persönlich brauche eine solche Arbeitsweise; wenn Stephan von mir 150 Prozent will, kriegt er die auch. Nichts wäre langweiliger, als ins Studio zu kommen, meinen Löffel abzureißen und wieder nach Hause zu gehen. Wenn wir im Aufnahmeprozess stecken, müssen wir uns gegenseitig möglichst hoch schaukeln, damit was Gutes dabei herauskommt. Das ist manchmal stressig und kann einen auch schon mal in den Wahnsinn treiben – aber dafür stimmt dann hinterher das Ergebnis.« 
Stephan (lachend): »Tja, ich weiß, dass ich manchmal stressig sein kann… Was ich an Gonzo total schätze, ist die Tatsache, dass hundertprozentig Verlass auf ihn ist. Egal, wie oft ich mit irgendwelchen hirnrissigen Ideen ankomme – er ist immer bereit, darauf einzugehen. Wir haben uns zwischendurch natürlich auch schon gut gefetzt – aber wenn ich mir so ansehe, was bei anderen Bands abgeht, dann läuft das bei uns echt harmonisch und superentspannt ab. Gonzo bringt immer die Leistung, die ich mir wünsche – und das weiß ich ganz sicher zu schätzen.« 
Gonzo: »Nach 20 Jahren haben wir ein absolut familiäres Verhältnis zueinander. Da braucht keiner dem Anderen was vorzumachen. Ich weiß genau, was mich erwartet, wenn ich mit Stephan ins Studio gehe. Wenn du ernsthaft an etwas arbeitest, musst du auch bereit sein, es bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Sonst kannst du gleich abtreten.«

Das neue Album „Dopamin“ – Song für Song: 

Keine Amnestie für MTV: 
Stephan: »Nach dem Theater mit MTV ist es eine logische Konsequenz, einen Song darüber zu schreiben. MTV haben sich so beschissen angestellt, dass wir uns unsere Wut darüber runterschreiben mussten. Damit ist die Sache für uns abgehakt. Ich finde den Song aber sehr gelungen, und es wäre natürlich schön, wenn er hoch chartet und sich einige Leute gehörig ärgern. Wir haben versucht, mit MTV zusammenzuarbeiten, und sie haben die Sache auf eine völlig inakzeptable Art und Weise verhauen.« 
Seid ihr die ganze Angelegenheit vielleicht ein bisschen zu blauäugig oder enthusiastisch angegangen? 
Stephan: »Von Enthusiasmus kann wirklich nicht die Rede sein. Wir haben uns überreden lassen, nachdem wir uns durch alle Ebenen bei MTV rückversichert haben. Wir sind uns bewusst, dass das Onkelz-Thema kein leichtes ist, speziell für einen so großen Sender. Aber wir mussten uns auch nicht bei MTV platzieren. Wir wollten diese Chance nutzen, um vielen Leuten unser Beispiel vor Augen zu führen. Es ging nicht darum, den ganzen Scheiß, den wir gebaut haben, unter den Tisch fallen zu lassen, sondern die ganze Historie zu beleuchten; dass da vier Typen sind, die sich innerhalb einer langen Zeit verändert haben. Für manche Leute hätte das ein Fingerzeig sein können. So nach dem Motto „Ich kann das auch schaffen“.« 

Narben: 
Gonzo: »Dieser Song transportiert perfekt das Gefühl, aus dem heraus er entstanden ist. Kevins Gesang ist sehr melodisch.« 
Stephan: »Es geht darum, dass man für sich selbst immer wieder Gründe findet, seine Prinzipien zu umschiffen. Diese Mechanismen, die dir helfen, dich selbst zu belügen, möchte man nicht mehr stattfinden lassen.« 

Coz I Luv You: 
Gonzo: »Musikalisch ist es total erfüllend, Songs, mit denen man aufgewachsen ist und die man mag, zu bearbeiten und im Studio auf irgendeine Art besser zu machen als das Original. So beschissen die Original-Aufnahme von ´Coz I Luv You´ auch ist, der Song transportiert ein unglaubliches Charisma. Das hinzubekommen ist die größte Herausforderung.« 
Stephan: »Wobei hier mal ganz klar gesagt werden muss, dass Noddy Holder nicht zu übertreffen ist! Viele unserer jungen Fans werden die Originalversion von Slade vermutlich nie gehört haben und denken, dass es ´ne neue Onkelz-Nummer ist. Dann gibt´s wahrscheinlich die ersten entsetzten Reaktionen, weil wir Englisch singen – das ist für unser Publikum ähnlich schlimm, als wenn wir im Vorprogramm der Toten Hosen auftreten würden. Es ist sicher ´ne Art Provokation, aber das machen wir gerne, und auch unsere Fans haben das verdient. Wir haben ja schon mehrfach feststellen können, dass sie anderen Sounds gegenüber nicht wirklich positiv eingestellt sind, was wir persönlich echt schade finden.« 

Je T´Aime… Moi Non Plus:
Stephan: »Ja, nach ´nem englischen Text lag es nahe, auch einen französischen zu verwursten, und da gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: ´Ca Plane Pour Moi´ von Plastic Bertrand oder eben ´Je T´Aime´, welches der fiesere Song ist. Ein Pornosong für Rocker!« 

Wie kann das sein: 
Stephan: »Es ist doch total krank, was Touristen in Städten wie Manila oder Bangkok veranstalten. Wie beim Thema Kindesmisshandlung findet man aber kaum Artikel über diesen Scheiß, und von daher war es uns ein Anliegen, auf diese Situation aufmerksam zu machen. Ich finde das einfach pervers, und weil ich mittlerweile selbst Vater bin, wird die Sache für mich noch unerträglicher. Irgendwo ist der Song die logische Fortsetzung von ´Der nette Mann´.« 

Keine Zeit: 
Stephan: »Gonzo kam mit ´nem ziemlich geilen Lick an, und dann haben wir den Song darum gestrickt. Wegen der vertrackten Rhythmik benötigt man einige Durchläufe, um mit dem Stück warm zu werden. Textlich gesehen ist das ein typisches „Mutmacher-Lied“ – du selbst bestimmst dein Wohlbefinden!« 
Gonzo: »Dadurch, dass wir das Songwriting und die Vorproduktion auf Ibiza durchgezogen haben, sind wir völlig befreit an die Sache herangegangen. Wir haben uns ein Haus gemietet, durch ein riesiges Fenster aufs Meer geschaut und dann einfach losgejammt. Manche Songs, die nicht auf der Scheibe gelandet sind, hatten sogar ´ne Santana- oder Reggae-Schlagseite. Die Idee, unsere Familien mitzunehmen und das komplette Equipment in dieses Haus zu schaffen, hat dazu beigetragen, dass manche Songs sehr positiv klingen.«

Ich weiß, wo du wohnst: 
Stephan: »Wir haben mit dem Thema „durchgeknallte Fans“ auch schon unsere Erfahrungen gemacht. Die harmlosen sind die, die Briefe schreiben, aber dann gibt es natürlich auch solche, die dich massiv bedrängen, weil sie nach Antworten auf irgendwelche Fragen suchen.« 
Gonzo: »Du gehst einkaufen oder sitzt irgendwo in einem Restaurant, und einer, der dich erkennt, muss das natürlich allen mitteilen. Der Großteil unserer Fans ist cool, aber es gibt auch Typen, die einfach nur nerven. Bei mir zu Hause war es so krass, dass plötzlich Fans am Küchenfenster standen und reinguckten. Da ist man schon einigermaßen perplex…« 
Stephan: »Wir müssen damit leben, denn wir stehen in der Öffentlichkeit. Der Song behandelt die Schattenseiten des Fanseins, wobei sich Fansein nicht zwangsläufig auf die Musik beschränken muss. Wenn man in jemanden verliebt ist, ist man ja auch Fan der betreffenden Person. Wir sind das Thema – bei aller Ernsthaftigkeit – ziemlich locker und ironisch angegangen; der Song ist nicht aus einer Selbstmitleids-Position heraus geschrieben.« 

Macht für den, der sie nicht will: 
Stephan: »Es geht nicht gegen ´ne bestimmte politische Partei – die sind mittlerweile eh fast alle beliebig austauschbar. Ich habe mich in den letzten beiden Jahren verstärkt mit Politik auseinander gesetzt, mir sogar Bundestagsdebatten reingezogen… Was für Komödien, unglaublich! Das kann man kaum noch aushalten.« 
Gonzo: »Vielleicht macht es mittlerweile das Alter, dass man mit solchen Themen sensibler umgeht. Früher hat man einfach gesagt: „Leckt mich doch am Arsch, das interessiert mich nicht!“« 
Stephan: »Diese ganze Lügerei ist einfach nicht mehr auszuhalten. Mittlerweile ist es schon soweit, dass man das kleinere Übel wählt, und das kann es ja auch nicht sein. Es geht nur um Machterhalt, und vor diesem Hintergrund wird gelogen, bis sich die Balken biegen. Keiner kommt mit Lösungsansätzen, jedem geht es nur darum, seinen politischen Gegner zu diskreditieren.« 
Gonzo: »Wir sind längst wieder bei der Parolen-Politik gelandet. Beispiel Atomausstieg: Da tritt die CDU/CSU jetzt mit dem Wahlversprechen an, den Ausstieg wieder zurückzunehmen. Das ist nur noch krank.« 
Stephan: »Bestes Beispiel war der Afghanistan-Einsatz, denn die Grünen wurden von ihrem Koalitionspartner ja ganz klar auf den Kurs eingeschworen. Die konnten sich gar nicht anders entscheiden.«

Mutier mit mir: 
Stephan: »Sehr positiver Text – unser Sommerhit, haha! Der Song beschreibt, dass man sich im Laufe der Jahre verändern kann und trotzdem immer weiter nach seinen Zielen strebt. Es geht nicht darum, seine Wurzeln zu verleugnen, aber darum, sich weiterzuentwickeln oder sich einzustehen, dass man falsch gelegen hat.« 

Jetzt oder nie: 
Stephan: »Man ist Gefangener seiner Umgebung, und manchmal kann man sich damit nicht abfinden. Man hat die Möglichkeit, etwas Neues zu beginnen, muss aber den nötigen Mut aufbringen.« 
Gonzo: »Das schaffen die Wenigsten.« 
Stephan: »Aber es geht, wenn man sich ständig selber motiviert und antreibt.« 

Die Firma: 
Gonzo: »Typischer Onkelz-Song. Die härteste Firma in der Stadt (lacht) – das musste einfach auf die Scheibe.« 
Stephan: »Wobei das schon ironisch ist, denn den Anspruch, die Härtesten zu sein, haben wir schon lange nicht mehr. In diesem Text nehmen wir nicht die Märtyrerposition ein, sondern versehen das Ganze mit einem Augenzwinkern. Dass wir früher einen gewissen Pathos entwickelt haben, will ich nicht wegdiskutieren, aber in diese Position hat man uns ja auch oft gedrängt.« 

Stand der Dinge: 
Stephan: »Mit dem getragenen Intro kommt der Song wohl einer Halbballade am nächsten. Mir gefällt das Stück aufgrund seiner außergewöhnlichen Instrumentierung.«

Nur wenn ich besoffen bin: 
Stephan: »Ja, das tut niemandem weh, oder? Wir haben zum Schluss noch ein Heinz Erhardt-Zitat eingebaut. Das ist ´ne Mischung aus Heiterkeit und Melancholie.« 
Gonzo: »Unsere Antwort auf ´Hard Luck Woman´ von Kiss!« 
Unqualifizierter Zwischenruf von Götz: »Das Ding würde ich ans Ende stellen, als Ausklang der Scheibe.« 
Stephan: »Gute Idee. Das können wir jetzt aber nicht mehr machen – sonst erzählst du deinen Kindern in 20 Jahren noch, dass du uns dazu geraten hast…« 

Nr. 1: 
Stephan: »Ein Song für Klaus W. aus F, mit ´nem Dead Kennedys-Einschlag. Man fragt sich während des Songs ständig, welche „Nummer 1“ überhaupt gemeint ist, und zum Schluss gibt´s dann halt die Lösung. Wie ernst mir das ist? Das Stück habe ich mit einem Dauergrinsen verfasst, denn der Mann, um den es geht, schreibt schon so lange und ausgiebig – regelrecht verzweifelt – gegen uns, dass er sich einfach einen Song verdient hat.« 

Statement von Edmund Hartsch im Forum von spiegel.de

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Statement von Edmund Hartsch (Band- und Pressebetreuer)
(vom 15. März 2001 im Forum von spiegel.de)

Guten Tag Muss ich mich denn heute morgen schon wieder aufregen? Pressefreiheit ist eine feine Sache, beinhaltet sie doch gewissermaßen das Recht, über alles und jeden berichten zu dürfen. Was Sie Herr Geyer jedoch übersehen und da befinden Sie sich in guter Gesellschaft, ist die Tatsache, dass Pressefreiheit auch die Pflicht zur Akkuratesse, zur sauberen Recherche mit einschließt und von Recherche kann bei Ihrem Artikel ja wohl kaum die Rede sein. Sie hätten z.B. mal hier beim Onkelz-Management anrufen und sich informieren können. Aber Schwamm drüber, wir sind ja schlechte Presse gewohnt. Kleine Statistik gefällig? Von ca. 7-8000 Presseartikeln über die Böhsen Onkelz sind ca. 80% von so grotesk schlechtem Inhalt, daß sich die faktischen und haarsträubenden Fehler in diesen Artikeln im Handumdrehen nachweisen ließen. Da werden Namen, Jahreszahlen, Daten und Fakten durcheinander geworfen und aufs Fantasievollste miteinander verknüpft, Textstellen werden aus dem Zusammenhang gerissen und Zusammenhänge so dermaßen verzerrt dargestellt, dass dem Leser gar keine andere Möglichkeit bleibt, als die Band zu verteufeln, oder sich angeekelt von ihr abzuwenden. Ach ja, war es nicht der Spiegel, der in seiner 41/92 Ausgabe in einem breit angelegten Artikel über die Gefahr der Musik von rechts einen Beitrag über die ach so gefährlichen Böhsen Onkelz ein falsches Foto veröffentlichte, nämlich das der Bluesband Formation SO 36. Na ja, macht ja nix, hat ja keiner gemerkt, gell? 

1992 hatten sich die Böhsen Onkelz bereits seit über 6 Jahren aus der „Szene“ gelöst und ihre Plattenverkäufe überschritten die 250.000er Marke, während die wirklich rechten Bands zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 500-1000 Einheiten verkauften. Dennoch warfen Sie damals schon diese Bands alle in einen Topf. Sie Herr Geyer und somit die gesamte Spiegel Redaktion hätten sich schon 1992 Ihrer Verantwortung bewusst werden müssen und erkennen müssen, dass die Onkelz seit 1986/87 nicht mehr in dieses Lager gehören. Im Übrigen können Sie nicht immer behaupten, es hätte keine eindeutigen Distanzierungen gegeben, nur weil Ihnen die Quellen hierzu fehlen. Jetzt gehen Sie hin und bezeichnen „Türken Raus“ als einen „Hit“ und somit als einen Chartbreaker. Geht’s noch? 

„Türken Raus“ wurde 1980 als einer der ersten Songs geschrieben und vor einer Horde von 50 – 100 betrunkenen Punks aufgeführt. Von diesen „Gigs“, denn Konzerte konnte man das damals ja wohl noch nicht nennen, gab es genau 8. Als Skinheadband von 1983 bis 1986 gab es 5 Gigs vor ca. 200-300 Leuten und dort wurde Türken Raus niemals live vorgetragen. „Deutschland den Deutschen“ wurde auf einem einzigen Gig in Berlin 1983 gespielt. Beide Songs sind niemals veröffentlicht, sondern nur auf einem Demotape eingespielt worden, dass jedoch im Untergrund bis heute häufig kopiert worden ist. Wo haben Sie denn zum ersten Mal von diesen Songs gehört, Herr Geyer? Doch wohl erst in der Presse von 92-95, oder? Diese Songs sind nun 20 bzw. 18 Jahre alt, aber immer noch hauen Sie in die gleiche langweilige Kerbe und sprechen hier von „Hits“. Sie sagen, dass die Böhsen Onkelz die Musik mit diesen „Hits“ auf Rechtskurs gebracht hätten. Das ist nicht nur falsch und dumm, sondern auch gefährlich. Es gibt Hunderte von expliziten Statements der Böhsen Onkelz, in Fanzines, Fachblättern, Musikzeitschriften, auf Video, im Fernsehen, im Radio und anderswo, bzgl. dieser Songs und ihrer Distanzierung zur rechten Szene. Nur weil Sie diese Statements nicht kennen, heißt das nicht, dass es sie nicht gegeben hat, heißt das nicht, daß die Böhsen Onkelz deswegen unglaubwürdig sind, oder Ihre Distanzierungen halbherzig und möglicherweise aus finanziellen Interessen stattgefunden haben. Ihre Spekulationen Herr Geyer und Ihre Mutmaßungen, Ihre Polemik und Recherchefaulheit geht weit über das Maß des Erträglichen hinaus. Ich verfolge die Presse aufmerksam und auch die vielen gegen Rechts Veranstaltungen. Wunderbar, dass Herr Lindenberg einen solchen Presserummel mit seinen Gegen-Rechts-Konzerten ausgelöst hat. Das finanzielle Ergebnis, die Hilfe für die Opfer der rechten Gewalt blieb dann doch wohl eher spärlich. Merkwürdig, dass die Böhsen Onkelz am letzten Wochenende mit nur einem einzigen Gig in der ausverkauften Bremer Stadthalle unter der Schirmherrschaft der Ausländerbeauftragten des Landes Bremen Frau Dr. Dagmar Lill und mit maßgeblicher Unterstützung der mutigen Bands Megaherz, Sub7even, Kreator und Destruction weit über 100.000,– DM erspielt haben. Das Geld wird nun ohne bürokratische Umwege an die Opfer der jüngsten rechten Gewalttaten ausbezahlt. Ich habe allerdings nichts in der Presse darüber gelesen. Komisch auch, dass es eine ähnliche Veranstaltung der Onkelz in Bremen bereits 1993 gab und dass bereits dort 11.000 Fans unisono „Nazis Raus“ gebrüllt und Stephan Weidners Ansagen gegen rechts bejubelt haben. Auch damals gab es keine Presse. Sicherlich sagen Sie jetzt wieder, dass das auch nur eine Imagekampagne war, aber dann muss ich Ihnen sagen, dass die Onkelz sich seit 1990 in einem hohen Maße engagieren, in einem Maße, das weit über das Übliche hinausgeht. 

Kochen Sie nur weiter Ihr Süppchen, aber wundern Sie sich nicht, wenn es Ihnen trotz guten Willens nicht gelingt, das angespannte Klima innerhalb der deutschen Jugendkulturen zu entschärfen. Toleranz und Integration müssen wir diesen Jugendlichen vorleben und können sie nicht blanko von ihnen einfordern. Und was den Echo angeht: Die Onkelz sind nominiert, ja, schon zum zweiten Male, aber glauben Sie, dass das einen von uns hier im B.O. Management interessiert? Glauben Sie, dass es wichtig wäre für uns, von der Musikindustrie akzeptiert zu werden? Die Onkelz stehen in einer Kategorie mit Pur, den Toten Hosen, Modern Talking und Reamonn, na super, Herzlichen Glückwunsch. Wen interessiert schon eine Musikindustrie, die solche Produkte wie Zlatko oder No Angels fördert. „Kunst“ kommt in diesem Sinne von „künstlich“. Ich persönlich halte solche Sendungen wie Big Brother, in denen der pure Egoismus propagiert wird für wesentlich gefährlicher für junge Leute, als die teilweise derben Texte der Böhsen Onkelz. Und außerdem halte ich es mit Bob Marley: „You can fool some people some time, but you can´t fool all the people all the time“ In diesem Sinne, alles in allem keine Glanzleistung Herr Geyer.

Statement von Kevin Russell zum Ende der Onkelz

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Statement von Kevin Russell zum Ende der Onkelz

(veröffentlicht auf onkelz.de am 02.06.2004)

Hey Leute!

Ich schliesse mich meinen Band-Kollegen an. Alles hat ein begrenztes Haltbarkeitsdatum. So auch wir. Das heißt nun nicht, dass wir in der Ecke liegen und vor uns hinvegetieren und vielleicht schon verschimmeln. Jeder aus der Band hat sich irgendwo weiterentwickelt. Und da es noch ein Leben neben der Band gibt, haben Stephan, Gonzo, Pe und ich eigene Pläne.

Wir haben uns entschlossen aufzuhören, wenn alles am geilsten ist. Dieser Zeitpunkt ist nun da – es ist Zeit zu gehen. Aber noch nicht endgültig. Mit der neuen Single und dem Album werden wir Euch bestimmt nicht enttäuschen. Und auf der Tour lassen wir es dann zusammen alle noch einmal so richtig krachen! WAS HABT IHR AUCH ANDERES ERWARTET? Ihr seht, es wird auch in der Zukunft noch einiges zu hören und auch zu sehen geben. Wenn wir jetzt zurücktreten, existieren die Onkelz in Euch weiter. Selbst dann, wenn wir längst zu Staub verfallen sind, werden für Euch die Lieder immer da sein.

Lange haben wir Euch gezeigt wie’s geht. Zeigt, was Ihr gelernt habt! Jetzt seid Ihr dran!!!

Ciao Leute, macht’s gut und bleibt weiter böhse. Ihr seid echt die Geilsten!

Jetzt freuen wir uns erst mal auf die Tour! Wir sehen uns!

Adios – Euer Kevin

Statement von Matthias „Gonzo“ Röhr zum Ende der Onkelz

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Statement von Matthias „Gonzo“ Röhr zum Ende der Onkelz

(veröffentlicht auf onkelz.de am 01.06.2004)

Liebe Leute,

immer wenn ich mir Eure Einträge im Gästebuch durchlese dann rührt es auch ganz kräftig in mir. Ihr sprecht mir aus der Seele. Soviel geht einem im Kopf herum, die Trennung der Band wird von allen Seiten beleuchtet, durchleuchtet, verworfen, neu abgetastet – es hört nie auf. Dauernd ergeben sich neue Aspekte, neue Perspektiven, man kann die Geschichte je nach Tageszeit oder Laune so oder so betrachten.
Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass das Leben seit unserem Entschluss auch für mich/uns alles andere als einfach ist.

Ein Beispiel:
Letzten Donnerstag beendete ich die Gitarrenaufnahmen zum „Adios“- Album, unserem letzten Studioalbum. Stephan und ich standen mit Michael, unserem Freund und Toningenieur, im Regieraum und hörten uns die zuletzt aufgenommene Nummer noch einmal an. Dann sagte Stephan, was mir auch die ganze Zeit im Kopf herumgeisterte: „Das waren deine letzten neuen Noten für die Onkelz.“

Schweigen.

Tausend Dinge, die im Kopf und im Bauch und in der Seele Karussell fahren. Puh, verdammt ja, es ist tatsächlich das letzte Album, das wir produzieren, zu dem ich gerade meinen Part beendet habe. Zwei Herzen schlagen in mir: Zum einen der Stolz auf die geleistete Arbeit, auf die wohl besten Songs seit langem – auf puren Rock ´n Roll. Auf den Spaß am Rocken, der sich komischerweise trotz unseres Abschieds einstellte und mich durch die ganze Produktion begleitet hat. Warum waren wir so locker, wie schon lange nicht mehr und so voll positiver Energie? Kam vielleicht so etwas wie ein „jetzt erst recht – und wir sind noch lange nicht tot“-Gefühl auf? Perplex. Zum anderen natürlich das Ende der Band, die Frage nach dem danach. Es geht mir wie Euch, pendeln zwischen Positivem und Negativem.

Dabei gibt es eigentlich keinen Grund lange traurig zu sein. Unser gemeinsamer Spirit kann nicht einfach verschwinden, sich in Luft auflösen, als wäre er nie da gewesen. Auch mit dem Ende der Band nicht. Klar, der Schock sitzt tief und arbeitet täglich weiter in uns, aber er setzt auch neue Ideen in die Welt. Ihr und wir denken über etwas, das schon fast zum alltäglichen Leben gehörte wieder neu nach – und plötzlich tauchen alte, längst im Alltag verloren geglaubte Ideale und Gefühle wieder auf. Aufbruch. Und genau dass ist der Spirit von dem ich hier spreche und der eigentlich niemals enden wird.

Einmal Onkel – immer Onkel. Es ist schön zu erleben, dass unsere Einstellung auch von so vielen anderen verstanden und geteilt wird. Dass es ein Leben neben den Mainstream und der Normalität gibt. Gerade auch in Deutschland. Dass sich nicht jeder von irgendwelchen Konsumstrategen und Superschlauen an der Nase herumführen lässt – und schon gar nicht der lauteste Chor der Welt!

Und wer weiß, vielleicht kommt ja in Zukunft auch noch das ein oder andere neue von einem der Bandmitglieder? Bestimmt.

In diesen Sinn kann die Tour eigentlich nur der absolute Wahnsinn werden. Unvorstellbar. Ein Meer von Gefühlen und Gefühlsausbrüchen. Mann, die Gänsehaut läuft mir jetzt schon den Rücken runter. Das werden Wochen im Ausnahmezustand für uns alle.

Und mit „Alle“ meine ich ca. 200.000 Onkelz!

See You All!
GONZO

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