Review: Toxpack – Friss!

August 14th, 2014 | By Redaktion

Zu Beginn muss ich eingestehen, dass ich erst seit einigen Monaten dabei bin, mich intensiver mit Toxpack und ihrer Musik zu beschäftigen. Im Nachhinein kann ich dazu nur sagen: „Besser spät als nie!“ Immerhin existiert die Berliner Streetcore-Band um Sänger Schulle bereits seit 2001 und hätte wahrscheinlich schon damals meinen Musikgeschmack getroffen.Toxpack2014

Erstmalig wurde mein Interesse an Toxpack geweckt, als die Jungs Anfang 2013 in einigen Städten „Der W“ auf der „III“-Tour als Support begleiteten. Zusätzlich ließen mich diverse Empfehlungen von Stephan Weidner (Der W) und Sammy Amara (Broilers) aufhorchen. Denn gerade Musiktipps von Stephan, bzw. seine Support-Auswahl, haben meinen musikalischen Horizont schon in der Vergangenheit um diverse Offenbarungen bereichert, die ich nicht mehr missen möchte. Als Toxpack dieses Jahr erneut als Support von Der W und parallel von den Broilers unterwegs waren, landeten dann auch die Alben „Aggressive Kunst“ und „Bastarde von Morgen“ in meinem CD-Regal. Kurz danach konnte ich die Band dann in bester Spiellaune auf dem W-Konzert im Düsseldorfer Stahlwerk erleben, wo sie vom Publikum überzeugend angenommen und gefeiert wurden. Endgültig gekriegt haben sie mich spätestens jetzt, mit ihrem neuen, am 12. September erscheinenden, Album „Friss!“, das zukünftig sicher auf Heavy-Rotation in meiner Anlage laufen wird.

So text- und klanggewaltig wie die Songs selbst, so bildgewaltig kommt bereits das Cover des Albums daher: Ein nicht mehr so wirklich taufrisch wirkender Kopf, dem zwei Teufelchen den Albumtitel „Friss!“, Buchstabe für Buchstabe, auf die Stirn nageln. Zwei weitere Teufelchen sind damit beschäftigt, ihn mit lauter alltäglichen Dingen, die Geist und Körper zudröhnen können, zu mästen. Teils symbolisch werden dem Stopfkopf munter Zigaretten, Pillen, Fast-Food, Geld, Handys, Waffen, eine TV Fernbedienung, ein Kruzifix und der Echopreis in den Rachen geschoben.

Musikalisch beginnt das Album mit einem Piano-/Streicher Intro, das die Spannung allmählich steigert, bis die Gitarren zum Opener „Stillstand“ loskrachen. Ein Song, der ein brachiales „Wir sind wieder da!“ herausbrüllt und somit von der Funktion her an „Zehn“ vom Vorgängeralbum erinnert. Ebenso gut wie als Einstieg ins Album, wäre „Stillstand“ auch als Konzert-Opener bestens geeignet.

Direkt danach folgt auch gleich der Titelsong „Friss!“, der das Cover des Albums thematisch perfekt unterstreicht. Beim vierten Song „Niemand“ geht es, ohrwurmtauglich und tanzbar verpackt, um die Ungewissheit der Zukunft. Darum, dass nur die Gegenwart zählt, um daraus eine eigene individuelle Zukunft zu kreieren. Beim Hören von „Niemand“ hatte ich auf Anhieb eine pogende, schwitzende Meute vor Augen, denn der Song hat ordentlich Tempo und geht richtig gut nach vorne.

Auf eine Ballade muss man auf „Friss!“ zwar komplett verzichten, aber der Song „Vergangen, Vergessen“ käme selbiger wohl noch am nächsten. Hier wird, zumindest ein wenig das Tempo gedrosselt, bevor der Refrain wieder mit gewohnter Wucht um die Ecke kommt.

Im Anschluss folgt dann der Song auf den ich im Vorfeld besonders gespannt war: Die Ansage an die rechte Adresse und an Gewalt und Intoleranz im Allgemeinen: „Nichts hören, sehen, sagen“ mit Gastspiel von Stephan Weidner. Konnte Toxpack schon in der Vergangenheit eine illustre Gästeliste auf ihren bisherigen Alben präsentieren (U.a. Bandmitglieder von Agnostic Front, Discipline, Pro Pain etc.), so hat das Statement gegen Rechts gemeinsam mit Stephan Weidner thematisch sicherlich nochmal eine ganz besondere Bedeutung. Ein klarer und unmissverständlicher Text zur wichtigen Message und ein eingängiger Refrain – Mission erfüllt. Gerade der Mittelteil des Songs klingt besonders live-tauglich und macht es schon irgendwie zur Pflicht diese Botschaft in die Konzertsäle des Landes herauszuschreien, in dem laut Songtext immer noch zu oft geschwiegen wird, wenn etwas schiefläuft. In diesen Kontext passt auch der nachfolgende Song, denn in „Transatlantic Rendezvous“ geht es um die NSA und ihre Lauschangriffe.

Weitere Songs befassen sich mit Erinnerungen an gute Zeiten („Nichts bleibt wie es ist“) und Trennungsschmerz, den man sich selbst nicht eingestehen will („Alles Lüge“). Bei letztgenanntem Stück zuckt auf jeden Fall wieder ganz heftig das Tanzbein. Der Song „Freiheit“ ist ein Song mit starkem Hymnencharakter. Einer Hymne an Freiheit, Glück, Hoffnung und Zufriedenheit. Großartiger Motivations-Song, in dem Aufgeben keine Option ist.

„La Vida Loca“ ist ein klassischer Party-Song, der ohne Ende gute Laune und Lebe-den-Moment-Gefühl versprüht. Im Kontrast folgt dann mit „Gute Reise Master“ ein textlich sehr emotionaler Song über einen Abschiedsbrief. Musikalisch dennoch weiterhin volle Fahrt voraus und im Refrain mit einer Prise Hosen versehen.

Nach etwa 42 Minuten ist das Spektakel leider schon vorbei und der Kreis schließt sich, indem das Piano-Thema vom Beginn wieder aufgegriffen wird. Gefühlt lässt einen das Outro wie nach einem Konzert zurück, das einen brettmäßig umgehauen hat. Bei den sanften Klavierklängen kommt man runter und lässt das gerade Erlebte erstmal sacken. Und dieses Gefühl ist wahrlich kein unpassender Vergleich für diese Scheibe.

Abschließend lässt sich das Album mit „All killers, no fillers“ zusammenfassen. Alle Songs rocken heftig, haben Ohrwurmpotenzial und sind energiegeladen ohne Ende. Man hat das Bedürfnis, das Album unmittelbar nachdem die letzten Klänge verklungen sind, sofort noch einmal hören. Das lässt einen auch über die relativ kurze Spielzeit hinwegsehen. Musikalisch und textlich hört man ein bisschen Onkelz hier und in manchen Refrains ein wenig Hosen dort, aber nie nehmen diese Einflüsse Überhand, so dass Toxpack definitiv weiterhin ihren eigenen Stil prägen. Sie spielen kraftvollen Streetcore mit Oi-Punk, Hardcore und Metal Elementen, heben sich damit klar vom Deutschrock-Sumpf ab und machen deutlich, dass sie in einer anderen, nämlich ihrer eigenen Liga spielen.

Schulle, Tommi, Erik, Stephan und Hinni haben gemeinsam mit dem Produzenten Michael Mainx (Onkelz, Tankard, Yen, Eschenbach) im Frankfurter Studio23 ein großartiges Album eingespielt, dass das Potenzial hat, sie ganz weit nach vorne zu bringen. Und das, ohne dass sie dabei ihre Wurzeln verlieren. Zu dieser Scheibe darf man gratulieren! Unbedingt reinhören! Ach was, gleich kaufen!

von Jan M.

 

Tracklist „Friss!“:

1. Gustatio
2. Stillstand (Keine Zeit)
3.  Friss!
4. Niemand
5. Vergangen, Vergessen
6.  Nichts hören, sehen, sagen (feat. Stephan Weidner)
7. Transatlantik Rendezvous
8. Nichts bleibt wie es ist
9. Alles Lüge
10. Freiheit
11. La Vida Loca
12. Gute Reise
13. Bellaria

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