Edmund Hartsch und die Böhsen Onkelz

August 1st, 2014 | By Sarah

Edmund Hartsch über seine erste Begegnung mit den Böhsen Onkelz
(veröffentlicht auf onkelz.de)

Im Juni 1987 gingen Stephan und Pe in einen Skateboardladen in Frankfurt-Bockenheim, um sich Sticker amerikanischer Skateboardfirmen zu besorgen, von denen sie gehört hatten, dass die eventuell als gute Tattooinspirationen herhalten könnten. Viel Knochen und Gedärme, Schädel, Kreuze, Schwerter und Wikingerhelme gab es dort auf Abziehfolie. Der Typ im Laden sah die beiden Tätowierten reinkommen und dachte sofort an Ärger. Entgegen den schlimmsten Befürchtungen kamen die drei ins Gespräch und nach zehn Minuten war es eine grölende Runde. Heftige Zoten und lautes Lachen verscheuchten die restliche Kundschaft. Es stellte sich heraus, dass der Typ, dem der Laden gehörte, neu in Frankfurt war, dass er den Laden erst seit ein paar Wochen hatte und mit seiner farbigen Freundin zusammenwohnte.

Pe und Stephan mochten den Typen, und der Typ, der nicht viele Leute in Frankfurt kannte, mochte die beiden. Von den Böhsen Onkelz hatte er noch nie gehört. Sie sagten ihm, daß sie eine Kultband der Skinheads und Hooligans seien, daß sie aber keinen Bock mehr darauf hätten und seit etwas mehr als einem Jahr andere Musik machten und sich weiterentwickeln wollten. Sie schenkten ihm eine „Onkelz wie wir“, erklärten ihm den Sinn der Lieder und erzählten ihm ihre Geschichte. Der Skateboardladenbesitzer war nicht voreingenommen und er hatte keinen Grund, an ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln. Was hatte der schon mit Skinheadmusik zu tun? Der hatte lange Haare und zerrissene Jeans, war nicht tätowiert und kam aus einer ganz anderen Richtung. Der hörte Funk und Hip Hop und wenn’s hoch kam ein paar alte Punkscheiben, aber nur amerikanisches Zeug. Stephan, Pe und der Typ wurden trotzdem richtig gute Freunde, und sie grüßten ihren neuen Freund auf ihrer nächsten Onkelzplatte „Kneipenterroristen“. Obwohl sie nie zusammen saufen gingen und der Typ den Rest der Band, Kevin und Gonzo, erst zwei Jahre später kennenlernte, trafen sie sich oft. Die Freundschaft bezog sich eher auf gemeinsames Abhängen und Reden, bei Stephan und seiner Frau zu Hause oder bei dem Typen und seiner Freundin. Später nahm der Typ Stephan mit zum Snowboardfahren in die Berge, und nach und nach wurde Stephan richtig sportbesessen.

Snowboardfahren, Tauchen, Surfen. Einmal fuhren der Typ, Stephan und sein Freund Trimmi und ein ganzer Haufen Frankfurter nach Österreich, und es hatte nicht lange gedauert, da flogen sie aus den Hotels raus und hatten Hausverbot in der Dorfdiskothek. Die Freundschaft ging so weit, dass Stephan in die Skateboardgeschäfte miteinstieg und mit dem Typen einen neuen, größeren Laden eröffnete. Dieser Laden wurde schnell zu einem Magneten für die verschiedensten Szenen. Snow- und Skateboardfahrer, Musiker und Frankfurter DJs, Rocker, Tätowierer und Onkelzfans. Während dieser Phase komponierte und textete Stephan für die „Es ist soweit“. Der Typ turnte Stephan auf Snowboardfahren und Surfen an, und Stephan turnte den Typ auf Bad Religion, Suicidal Tendencies, Danzig und Onkelz an. Irgendwann wurde es dem Typen in Frankfurt zu anstrengend. Obwohl er die besten Freunde gefunden hatte, trieb es ihn in die Ferne, und außerdem gingen ihm die Gewalt und die harten Drogen in Frankfurt ziemlich auf den Sack, und er war auch nicht mehr mit seiner Freundin zusammen und verkauft hatte er alles, was er besaß, und im Oktober 1990 brach er mit zwei Freunden zu einer langen Weltreise auf. Kurz vor seiner Abreise wurde Trimmi, der beste Freund der Band getötet. Kurz nach seiner Abreise sprang einer seiner Skateboardfreunde mit seinem Board aus dem 4. Stock und war auf der Stelle tot.

Ein anderer hatte sich mit Heroin überdosiert und war in seiner Wohnung verfault, bevor man ihn fand. Es war so Scheiße. Stephan erledigte die Geschäfte nun alleine, besuchte den Flüchtling in der Karibik und ließ ihm ein Demo der „Wir ham´ noch lange nicht genug“ nach Australien hinterherschicken. Dort rastete der Typ mit seinen Freunden richtig aus, als er das Tape zum ersten Mal hörte. Sie saßen in einer Holzhütte im Dschungel, rauchten dicke Bongs und ließen es vor und zurück laufen und sangen immer wieder… „Vom Himmel in die Hölle und von der Hölle ganz hinauf…“ Sie waren komplett aus dem Häuschen vor Begeisterung und drehten in ihrer Hütte völlig ab. Der Typ vermisste Stephan und die Onkelz sehr, dennoch blieb er fort, er war auf der Suche nach anderen Dingen. Stephan schloss darauf bald den Skateboardladen für immer und konzentrierte sich ausschließlich auf die Arbeit mit der Band. Die Böhsen Onkelz wurden immer erfolgreicher, und als der Typ endlich von seiner Reise zurückkam, konnten er und seine Freunde den Mund nicht zu kriegen, so erstaunt waren sie über die Dimension, die das Thema Böhse Onkelz angenommen hatte, und so erschrocken waren sie über die Vorgänge in Deutschland. Sie waren 16 Monate fort gewesen, und es hatte sich einiges verändert. Deutschland war für sie nicht mehr dasselbe, es war zu einem Land unter vielen geworden. Sie hatten die Welt umrundet und waren auf freundlichere Menschen gestoßen und auf mehr Wärme. Als sie zurückkamen, war es Februar, es war kalt und Scheiße, und auch die Menschen waren kalt und Scheiße. Stephan war der erste, den sie nach ihrer Rückkehr sehen wollten, und sie trafen sich in Düsseldorf, und Stephan war genauso wie zu der Zeit, als der Typ aufgebrochen war und wie zu der Zeit, als sie sich kennengelernt hatten, offen und geradeheraus. Das war´s wohl gewesen, was der Typ auf der Reise am meisten vermisst hatte und am meisten gesucht hatte.

Ich bin mir sicher, dass es so gewesen ist, denn ich war dieser Typ.

Edmund Hartsch – Juni 1987

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