Statement von Stephan Weidner zum Ende der Onkelz

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Statement von Stephan Weidner zum Ende der Onkelz

(veröffentlicht auf onkelz.de am 25.05.2004)

Goodbye Onkelz, hello Rest des Lebens..

Punkt 1:
Es gibt kein großes Kunstwerk ohne Tragödien.

Wir kündigen und ich entlasse mich! Nicht fristlos und nicht mit sofortiger Wirkung, aber wir läuten das Ende ein. Keine leichte Entscheidung. Nein, die schwerste meines Lebens. Eine, die verdammt weh tut. Eine, die mir mehr als eine Träne abgerungen hat. Etwas woran man sein ganzes Leben gearbeitet hat, beendet man nicht einfach so. Trotzdem sah ich unser Ende mit eindrucksvoller Klarheit auf mich zu kommen. Nach eine endlosen Folge von Tourneen, Hotelzimmern und Aufnahmestudios wird es Zeit für uns, die Stühle hoch zu stellen und den Laden dicht zu machen. Warum, werdet ihr euch fragen? Nun ja, nach dem Stones Konzert im letzten Jahr musste ich mich fragen: „Was soll danach noch kommen?“ Während der Arbeit an „Adios“ stellte ich mir von Lied zu Lied die Frage, können wir das toppen? Können wir da noch einen drauf setzen? Ich glaube, in dieser Konstellation wird es verdammt schwer. Nein, um ehrlich zu sein, ich glaube das wir in dieser Konstellation den Höhepunkt unseres Schaffens erreicht haben und Wiederholungen sind Scheiße. Mit diesem Bewusstsein weiter zu machen, hieße für mich nur noch den „Rahm“ abzuschöpfen und unsere Musik zu einer Ware verkommen zu lassen. Und gut verdrängt heißt für mich nicht halb gewonnen. Ich kann nur machen, was ich fühle und dies ist meine Art, die Dinge zu sehen. Dies ist mein Weg. Ich stehe vor dem Sprung ins kalte Wasser, ich betrete unbekanntes Terrain. Ich weiss, ich werde eine tiefe Leere spüren. Die Lücke, die die Onkelz hinterlassen werden, ist schwer zu füllen. Aber irgendwann muss Schluss sein mit der Abhängigkeit von anderen, und deren Abhängigkeit von mir. Ich versuche nach vorne zu sehen.

Punkt 2:
Mo|ral|phi|lo|so|phie.

Jeder Künstler hat ein persönliches Interesse am eigenen Erfolg. Das ist legitim, wie ich finde. Hat man es einmal geschafft, hält man normalerweise am besten einfach durch, bis alles geregelt und in trockenen Tüchern ist. Weniger wahrscheinlich ist es, dass man den eigenen schrittweisen Niedergang bemerkt. Ich hatte niemals Lust auf die Rolle des Goldesels reduziert zu werden, der meine und die Infrastruktur anderer finanziert. Bei den Onkelz ging es immer um mehr. Um viel mehr. Wer über mehr als zwei Dekaden dermaßen hochtrabende Moralphilosphie wie wir verfasst, der muss sich täglich selbst hinterfragen, ob er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Das tue ich und ich hoffe, die Jungs machen das auch. Die Onkelz, und das war uns schon immer bewusst, haben ein begrenztes Haltbarkeitsdatum. Nicht unsere Musik, sondern im besonderen unsere Inhalte – das, wofür wir seit 24 Jahre stehen. Wir haben mehr als einmal betont, nicht im Onkelzkostüm sterben zu wollen. Dafür gab und gibt es gute Gründe. Zu viele Reunions alter Helden, zu viele Bands, die uns weit über ihren Zenith hinaus mit überflüssigen Platten und peinlichen Konzerten penetrieren. Bands, die ihre Rebellion an der Garderobe der Industrie abgegeben haben, oder verzweifelt ums eigene Überleben kämpfen müssen. Nicht mit mir und der Gedanke so enden zu können, drängte zu penetrant in meine Welt. Wer so konsequent konsequent war, muss es auch bei einer so schweren Entscheidung sein.

Noch fühlen wir den puren, ehrlichen Zorn, der uns immer angetrieben hat und lange bevor jemand auf die Idee kommen könnte uns nahe zu legen aufzuhören, teilen wir euch mit:
Dies ist unser letztes Studio Album und unsere letzte Tournee. Das ist unumstößlich.
Darüber hinaus würden wir uns freuen, 2005 zu unserem 25-jährigen Jubiläum ein Abschiedskonzert geben zu können. Ein Vierteljahrhundert Onkelz, das wäre eine amtliche Hausnummer.
Der Rest verschwindet sowieso in Emotionsnebel und Erschöpfung. Danke Euch allen.

Stephan

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