Statement von Edmund Hartsch im Forum von spiegel.de

Juli 21st, 2014 | By Sarah

Statement von Edmund Hartsch (Band- und Pressebetreuer)
(vom 15. März 2001 im Forum von spiegel.de)

Guten Tag Muss ich mich denn heute morgen schon wieder aufregen? Pressefreiheit ist eine feine Sache, beinhaltet sie doch gewissermaßen das Recht, über alles und jeden berichten zu dürfen. Was Sie Herr Geyer jedoch übersehen und da befinden Sie sich in guter Gesellschaft, ist die Tatsache, dass Pressefreiheit auch die Pflicht zur Akkuratesse, zur sauberen Recherche mit einschließt und von Recherche kann bei Ihrem Artikel ja wohl kaum die Rede sein. Sie hätten z.B. mal hier beim Onkelz-Management anrufen und sich informieren können. Aber Schwamm drüber, wir sind ja schlechte Presse gewohnt. Kleine Statistik gefällig? Von ca. 7-8000 Presseartikeln über die Böhsen Onkelz sind ca. 80% von so grotesk schlechtem Inhalt, daß sich die faktischen und haarsträubenden Fehler in diesen Artikeln im Handumdrehen nachweisen ließen. Da werden Namen, Jahreszahlen, Daten und Fakten durcheinander geworfen und aufs Fantasievollste miteinander verknüpft, Textstellen werden aus dem Zusammenhang gerissen und Zusammenhänge so dermaßen verzerrt dargestellt, dass dem Leser gar keine andere Möglichkeit bleibt, als die Band zu verteufeln, oder sich angeekelt von ihr abzuwenden. Ach ja, war es nicht der Spiegel, der in seiner 41/92 Ausgabe in einem breit angelegten Artikel über die Gefahr der Musik von rechts einen Beitrag über die ach so gefährlichen Böhsen Onkelz ein falsches Foto veröffentlichte, nämlich das der Bluesband Formation SO 36. Na ja, macht ja nix, hat ja keiner gemerkt, gell? 

1992 hatten sich die Böhsen Onkelz bereits seit über 6 Jahren aus der „Szene“ gelöst und ihre Plattenverkäufe überschritten die 250.000er Marke, während die wirklich rechten Bands zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 500-1000 Einheiten verkauften. Dennoch warfen Sie damals schon diese Bands alle in einen Topf. Sie Herr Geyer und somit die gesamte Spiegel Redaktion hätten sich schon 1992 Ihrer Verantwortung bewusst werden müssen und erkennen müssen, dass die Onkelz seit 1986/87 nicht mehr in dieses Lager gehören. Im Übrigen können Sie nicht immer behaupten, es hätte keine eindeutigen Distanzierungen gegeben, nur weil Ihnen die Quellen hierzu fehlen. Jetzt gehen Sie hin und bezeichnen „Türken Raus“ als einen „Hit“ und somit als einen Chartbreaker. Geht’s noch? 

„Türken Raus“ wurde 1980 als einer der ersten Songs geschrieben und vor einer Horde von 50 – 100 betrunkenen Punks aufgeführt. Von diesen „Gigs“, denn Konzerte konnte man das damals ja wohl noch nicht nennen, gab es genau 8. Als Skinheadband von 1983 bis 1986 gab es 5 Gigs vor ca. 200-300 Leuten und dort wurde Türken Raus niemals live vorgetragen. „Deutschland den Deutschen“ wurde auf einem einzigen Gig in Berlin 1983 gespielt. Beide Songs sind niemals veröffentlicht, sondern nur auf einem Demotape eingespielt worden, dass jedoch im Untergrund bis heute häufig kopiert worden ist. Wo haben Sie denn zum ersten Mal von diesen Songs gehört, Herr Geyer? Doch wohl erst in der Presse von 92-95, oder? Diese Songs sind nun 20 bzw. 18 Jahre alt, aber immer noch hauen Sie in die gleiche langweilige Kerbe und sprechen hier von „Hits“. Sie sagen, dass die Böhsen Onkelz die Musik mit diesen „Hits“ auf Rechtskurs gebracht hätten. Das ist nicht nur falsch und dumm, sondern auch gefährlich. Es gibt Hunderte von expliziten Statements der Böhsen Onkelz, in Fanzines, Fachblättern, Musikzeitschriften, auf Video, im Fernsehen, im Radio und anderswo, bzgl. dieser Songs und ihrer Distanzierung zur rechten Szene. Nur weil Sie diese Statements nicht kennen, heißt das nicht, dass es sie nicht gegeben hat, heißt das nicht, daß die Böhsen Onkelz deswegen unglaubwürdig sind, oder Ihre Distanzierungen halbherzig und möglicherweise aus finanziellen Interessen stattgefunden haben. Ihre Spekulationen Herr Geyer und Ihre Mutmaßungen, Ihre Polemik und Recherchefaulheit geht weit über das Maß des Erträglichen hinaus. Ich verfolge die Presse aufmerksam und auch die vielen gegen Rechts Veranstaltungen. Wunderbar, dass Herr Lindenberg einen solchen Presserummel mit seinen Gegen-Rechts-Konzerten ausgelöst hat. Das finanzielle Ergebnis, die Hilfe für die Opfer der rechten Gewalt blieb dann doch wohl eher spärlich. Merkwürdig, dass die Böhsen Onkelz am letzten Wochenende mit nur einem einzigen Gig in der ausverkauften Bremer Stadthalle unter der Schirmherrschaft der Ausländerbeauftragten des Landes Bremen Frau Dr. Dagmar Lill und mit maßgeblicher Unterstützung der mutigen Bands Megaherz, Sub7even, Kreator und Destruction weit über 100.000,– DM erspielt haben. Das Geld wird nun ohne bürokratische Umwege an die Opfer der jüngsten rechten Gewalttaten ausbezahlt. Ich habe allerdings nichts in der Presse darüber gelesen. Komisch auch, dass es eine ähnliche Veranstaltung der Onkelz in Bremen bereits 1993 gab und dass bereits dort 11.000 Fans unisono „Nazis Raus“ gebrüllt und Stephan Weidners Ansagen gegen rechts bejubelt haben. Auch damals gab es keine Presse. Sicherlich sagen Sie jetzt wieder, dass das auch nur eine Imagekampagne war, aber dann muss ich Ihnen sagen, dass die Onkelz sich seit 1990 in einem hohen Maße engagieren, in einem Maße, das weit über das Übliche hinausgeht. 

Kochen Sie nur weiter Ihr Süppchen, aber wundern Sie sich nicht, wenn es Ihnen trotz guten Willens nicht gelingt, das angespannte Klima innerhalb der deutschen Jugendkulturen zu entschärfen. Toleranz und Integration müssen wir diesen Jugendlichen vorleben und können sie nicht blanko von ihnen einfordern. Und was den Echo angeht: Die Onkelz sind nominiert, ja, schon zum zweiten Male, aber glauben Sie, dass das einen von uns hier im B.O. Management interessiert? Glauben Sie, dass es wichtig wäre für uns, von der Musikindustrie akzeptiert zu werden? Die Onkelz stehen in einer Kategorie mit Pur, den Toten Hosen, Modern Talking und Reamonn, na super, Herzlichen Glückwunsch. Wen interessiert schon eine Musikindustrie, die solche Produkte wie Zlatko oder No Angels fördert. „Kunst“ kommt in diesem Sinne von „künstlich“. Ich persönlich halte solche Sendungen wie Big Brother, in denen der pure Egoismus propagiert wird für wesentlich gefährlicher für junge Leute, als die teilweise derben Texte der Böhsen Onkelz. Und außerdem halte ich es mit Bob Marley: „You can fool some people some time, but you can´t fool all the people all the time“ In diesem Sinne, alles in allem keine Glanzleistung Herr Geyer.

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