Wovor man euch warnen will.. (oder wie „rechts“ waren die Onkelz..) von Stephan Weidner

Juli 20th, 2014 | By Sarah

WOVOR MAN EUCH WARNEN WILL… (oder wie „rechts“ waren die Onkelz…)

von Stephan Weidner
(erschienen Anfang der 90er Jahre)

Glaubt man den Medien, sind wir so ziemlich das Schlimmste, was der Welt passieren konnte. Außer dem Vorwurf der Rechtsradikalität müssen wir mit dem Dogma leben, frauenfeindlich, sexistisch und gewaltverherrlichend zu sein. Da ich davon ausgehen muss, dass Ihr Euch als unsere Fans auch des öfteren mit dieser Problematik auseinander müsst, nehme ich dies als Anlass, zu dem immer wiederkehrenden Pressegespenst „Die Onkelz und ihre Vergangenheit“ Stellung zu nehmen. Vor allem die ewigen Unterstellungen, ein Neo-Nazi zu sein, zehrten und zehren an meinen Nerven und ließen mich selbst schon manchmal glauben, das alles sei wahr. Zeit genug, deshalb einmal in mich zu gehen und Licht in das Dunkel zu bringen. Es werde Licht!

Ich denke, es hat keinen Sinn, wenn ich beginne, irgendwelche Anekdoten zu erzählen, die Rückschlüsse zulassen, wir seien rechtsradikal gewesen. Die hat es sicher gegeben, aber für viel wichtiger halte ich es, von dem Gefühl zu reden, das wir früher in uns trugen. Ich spreche im Namen der Band, wenn ich sage, dass es Zeiten gab, in denen wir, ohne etwas beschönigen zu können, eine ausländerfeindliche Einstellung hatten, auch auf sogenannte „Rote“ und ihre Sympathisanten hatte keiner von uns Bock. Wir lieferten uns mehr als einmal regelrechte Straßenschlachten mit ihnen, obwohl wir ja ursprünglich selbst aus der Punkbewegung kamen und zu dieser Zeit alles andere als „rechts“ waren. Ich könnte jetzt beginnen, Euch davon zu erzählen, wie und unter welchen Umständen wir aufgewachsen sind. Ich könnte mich in irgendwelchem sozialpädagogischen Geschwätz verlieren und nach Ursachen für unser Verhalten forschen. Ich könnte Euch von missratener Kindheit, Frankfurter Ghettos, Alkohol und Drogenproblemen erzählen, und, und, und… Aber ich schreibe dies nicht, um nach Entschuldigungen zu suchen. Was war, war, und ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ich schreibe dies, damit Ihr nicht den gleichen Scheiß baut wie wir. Auch wenn einem das Wasser bis zum Hals steht und man meint, einen Schuldigen zu brauchen, gibt es andere Möglichkeiten, mit seinen Problemen umzugehen als Fremdenfeindlichkeit. Das Beste ist, etwas gegen seinen eigenen Mist zu machen. Hass begrenzt, und mein jetziges Erlebnis ist grenzenlos. Hass ist verschwendete Zeit. Es gibt wirklich wichtigeres.

Reden wir weiter von Gefühlen. Reden wir von Unwissen und Dummheit. Reden wir von Ignoranz und Intoleranz. Reden wir von Rechtsradikalismus. Wie „rechts“ waren die Onkelz wirklich? Fakt ist, wir waren niemals Angehörige oder Sympathisanten einer rechten Partei oder Organisation. Wir hatten und haben eine Aversion gegen Obrigkeitsdenken und blinde Parolen. Wir haben niemals in unseren Konzerten rechtes Gedankengut propagiert, auch wenn ich einräumen muss, dass das ein Teil der Zuhörer nicht davon abgehalten hat, ausländerfeindliche Parolen von sich zu geben. Wir sind weder „Sieg Heil“ schreiend durch die Gegend gezogen, noch haben wir uns mit nationalsozialistischen Emblemen geschmückt. Auch wurden nach unseren Konzerten keine Asylantenheime angesteckt, wie schon mehrmals fälschlicherweise in der Presse berichtet wurde, da wir in diesen Städten niemals gespielt haben. Was bleibt, ist die Tatsache, dass wir zwei fremdenfeindliche Lieder für ein Demotape aufgenommen haben, auf die wir heute alles andere als stolz sind. Es stimmt auch, dass unsere erste Platte verboten wurde, wegen Gewaltverherrlichung und Pornographie, und dass wir Skins waren mit Haut und (ohne) Haar. Wahr ist mit Sicherheit auch, dass wir eine Tendenz hatten, ins „rechte Lager“ abzudriften, wir uns aber über die verheerenden Folgen früh genug bewusst geworden sind. Ich würde sagen unbewusst-bewusst geworden sind, da wir in dieser Zeit mehr aus dem Bauch gelebt haben, als dass wir unser Hirn oder Herz gefragt hätten.

Das alles ist 15 Jahre her. Mann, wir haben das rausgeschrieen, was uns berührte, ohne groß nachzudenken. Keiner war sich der Folge bewusst. Fragt Euch mal selbst, wie viel Scheiße Ihr in eurem Leben von Euch gelassen habt, und Ihr wisst, was ich meine. Wichtig ist, dass ich weiß, wie ich drauf war, und noch wichtiger ist, wie ich drauf bin: Wir haben uns geändert, und dieses Recht sollte man, verdammt noch mal, jedem zubilligen. Um es hier einmal ganz deutlich zu sagen: Wir und auch sonst niemand in unserem Umfeld hängt rechtem Gedankengut nach oder hat irgendwelche Sympathien für solchen Mist. Niemand von uns toleriert Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit. Wenn wir mit unseren Möglichkeiten etwas gegen braunen Hass und blinde Spießerwut tun können, dann tun wir es. Nur tun wir es nicht, weil wir´s unserer Geschichte schuldig sind – sondern aus Überzeugung. Ich finde, dass Ihr, als unsere treuesten Fans, das wissen sollt.

Und ihr, die euer ganzes Leben damit verbracht habt, euch den Arsch in euren Sesseln platt zu sitzen, erzählt mir nichts vom Leben. Ich habe die Scheiße gefressen, in der ihr nie gelebt habt, und ich stehe hier vor euch als MENSCH. Mich könnt ihr nicht beeindrucken, und ich hoffe, unseren Fans geht es genauso.

 

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