Stephan Weidner – Wenn ich heute so zurückblicke…

Juli 20th, 2014 | By Sarah

„Wenn ich heute so zurückblicke…“

credits: onkelz.de

credits: onkelz.de

von Stephan Weidner
(erschienen im #1 BOSC-Fanzine, 1994)

Wenn ich heute so zurückblicke und mir unseren Werdegang betrachte, kann ich es mir nicht verkneifen, ein wenig stolz auf das Erreichte zu sein. Besonders, da ich weiß, dass wir nicht dort stehen, wo wir jetzt sind aufgrund der Tatsache, dass wir jemals Kompromisse eingegangen wären, sondern weil wir konsequent unseren Weg verfolgt haben!

Alles was wir taten, taten wir aus Überzeugung. Jeder Fehler, jeder Treffer ins Schwarze kam aus dem Bauch, aus unserem Herzen, und war nicht lange geplant oder von irgendwem inszeniert. Wir haben mehr als einmal vor unseren Abgründen gestanden und lernen müssen, dass sich im Dreck zu wälzen nicht die beste Art ist, „rein“ zu werden.

Aber am Ende war es vielleicht wichtiger und größer, diese Fehler zu begehen und ihre Folgen zu tragen, statt abseits der Welt mit gewaschenen Händen ein sauberes Leben zu führen. Schließlich haben all unsere Erfahrungen uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Es waren wir selbst, unser eigenes Verlangen, dass uns dorthin führte, wo wir jetzt sind. Denn ich glaube nicht an Zufälle. Klar war es auch Glück, aber Glück ist meiner Meinung nach eine Art Belohnung für eine besondere Tugend.

Natürlich ist das meine subjektive Ansicht, ich weiß, dass viele unter Euch uns vorwerfen, kommerziell geworden zu sein. Ich denke mit diesem Vorwurf müssen viele Bands leben, die es auf irgendeine Weise geschafft haben, „erfolgreich“ zu sein. Auf manche mag das zutreffen, auf manche nicht.

Wenn kommerziell zu sein, wie in unserem Fall, heißt bessere Songs zu schreiben, wenn es kommerziell ist, wenn man „erwachsen“ wird und Texte mit einer Aussage schreibt, anstatt über Saufgelage zu singen und Gewalt zu predigen, dann nehmen wir es gerne auf uns, kommerziell zu sein, auch wenn ich diesem Wort eine andere Bedeutung beimesse.

Jeder unserer Songs kam aus unserem Herzen, die meisten beruhen auf persönliche Erfahrungen, jeder ist oder war ein Teil unseres Lebens. Unsere Lieder waren immer ein Ventil. Wir konnten durch sie Aggressionen abbauen, Missstände aufzeigen, Gefühle verarbeiten. Wir haben nie einen Text oder einen Song für andere gemacht. Immer waren wir unsere größten Kritiker und vor allem einzigstes Kriterium.

Schön für uns, dass vielen von Euch gefällt, was wir machen, dass viele von Euch sich mit dem identifizieren, was wir in unseren Texten besingen, und natürlich verdienen wir mittlerweile eine Menge Kohle damit, nur war das nie ein Auslöser für uns, ein Lied zu schreiben und das wird in Zukunft auch so bleiben. Wir haben keine Lust, die „Vorzeige Rocker“ der Nation zu werden, wir wollen weiterhin kontrovers sein und Musik machen, die uns berührt, die Reaktionen auslöst, Emotionen weckt, nicht aber blinden Hass schürt, der uns jahrelang begrenzte.

Die Zeit hat sich um uns gekümmert, hat unsere Ansichten mehr als einmal geändert, und wir behalten uns vor, dass sie dies auch in Zukunft tut. Wir kommen immer wieder an Punkte, wo wir von Neuem anfangen, wo wir umdenken müssen und das ist gut so, sonst wäre das Leben beschissen langweilig. Wir verzeihen uns jeden Fehler, solange wir ihn nur einmal machen.

Was sind auch schon „Fehler“, für mich sind es Erfahrungen, die jeder von uns macht, jeder. Ich kenne genug unserer Kritiker persönlich und weiß wie viel „Dreck“ diese Leute mit sich herumschleppen. Ich kenne die Motivation der meisten Journalisten, die weiterhin Lügen über uns verbreiten, ich erkenne ihre Unfähigkeit, Selbstkritik zu üben. Ich erkenne die Krankheit und doppelte Moral unserer Gesellschaft, die, bevor sie vor ihrer eigenen Haustür kehrt, mit dem Finger auf andere deutet und verurteilt und ich scheiß auf sie alle! Wir sind der lebende Beweis dafür, dass es andere Wege gibt, dass man erfolgreich sein kann, ohne ein Fähnchen im Wind zu sein, dass man Mensch sein kann.

Menschlich zu sein bedeutet, Fehler zu machen und trotzdem zu sich zu stehen. Diese Leute verbringen soviel Zeit damit, im Müll anderer zu wühlen, dass sie gar nicht merken, wie sie in ihrem eigenen ersticken.

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