Der W live in Hamburg: Sunrise over Reeperbahn – Kiezsauna deluxe!

Mai 1st, 2013 | By Sarah

Moin Hamburg, du alte Hanse!

Schreibe ich also das Tourtagebuch für meine neue Wahlheimat und erfülle damit eine ehrenvolle Aufgabe. Mitten auf der Reeperbahn zwischen der gefürchteten Davidswache und dem berühmten Beatles-Platz liegt also die Große Freiheit. An normalen Tagen stolziert dort Olivia Jones entlang, wenn sie nicht gerade die Quoten für RTL mit Dschungelprüfungen in die Höhe treibt und posiert mit Touristen für ein Erinnerungsfoto. Fünf Minuten weiter an der Ecke zum Hans-Albers-Platz stehen die leichten Mädchen und versuchen ebenfalls testosterongesteuerte Hansestadtbesucher abzufangen. Oh ja, das ist der ehrwürdige Hamburger Kiez.

Doch kommen wir zurück zur Großen Freiheit, die Stephan mittlerweile regelmäßig, mit Ausnahme des einmaligen Ausflugs ins Docks, bespielt. Architektonisch eine tolle Venue, so lässt der Rundum-Balkon auf der oberen Etage eine saalonartige Atmosphäre aufkommen. Das Astra in den Fingern, die andere Hand am Geländer – so lässt es sich dort oben prächtig aushalten, wenn man nur gucken möchte.
„Die Steher“, wie Stephan liebevoll seine gemütlichen Fans nennt, kommen in der großen Freiheit definitiv auf ihre Kosten. Der Blick auf die Bühne und den tobenden Mob sind immer wieder ein Erlebnis wert, das muss ich alte „Erste-Reihe-Kämpferin“ sogar zugeben. Doch kommen wir zur Show:

Für sämtliche skandinavische Vorbands war Hamburg bisher immer ein gutes Pflaster. Seien es die Wonderfools zu Onkelz-­Zeiten, die im Café Keese versackten oder D–A­-D, die die Stimmung bei Konzerten immer mit „a little bit reeperbahnish“ beschrieben. Eine gute Voraussetzung für die norwegischen Dunderbeist. Die herzlichen Wikinger reissen eine solide Show ab und wuchten ihren „Battle­-Metal“ über die knarrenden Bühnenbretter. Was die Stimmung bei Der W betrifft, so hat Neu-Isenburg die Latte gestern ziemlich hochgelegt. Hamburg muss mächtig anstinken um gegen die temperamentvollen Hessen nicht alt auszusehen. Die obligatorischen “Wir wollen den Weidner sehen“-Rufe weisen schon mal in die richtige Richtung. Der Abend soll, nein er muss laut und dreckig werden. Im Gedächtnis soll er bleiben. Mindestens bis zum nächsten Stadtbesuch von Der W.

Als die Band auf die Bühne kommt gibt es in der großen Freiheit kein Halten mehr. Ich habe es mir auf dem Balkon schräg über Dirk gemütlich gemacht und staune nicht schlecht, über das was ich sehe. Ein fulminanter Pogokreis bildet sich und ein gutes Dutzend Kerle und ein Mädel tanzen sich in eine Rock’n’Roll-Ekstase. Ganz klar, die Hamburger nehmen den Kampf mit den Hessen auf und ich stehe im Zwiespalt mit meiner Heimat und meinem jetzigen Wohnort. Die W-Band treibt den Mob voran, die ersten Songs werden rücksichtslos durchgeknallt. Die Hamburger nehmen volle Fahrt auf. Fast schon dankend, sehne ich die etwas ruhigeren Lieder herbei und kralle mich erschöpft am Balkongeländer fest. Die Temperaturen in der großen Freiheit müssen heimlich Wüstengrade angenommen haben. Die Luft steht, die Klamotten kleben, der Schweiß perlt nicht nur auf Stephans Stirn. Selbst wir “Steher” im oberen Bereich kämpfen gegen die Hitze an, von den tapferen Fans unten im Cirlce Pit und den ersten Reihen will ich gar nicht erst reden Der Pogo und die Fangesänge ziehen sich durch das ganze Set durch. Es ist jetzt sowas von klar, was die Hamburger Fans wollen. Den Platz auf dem Siegertreppchen für das beste Konzert. In meinen Augen sieht das nach einem bisherigen Kopf an Kopf Rennen aus. Frankfurt war Wahnsinn. Hamburg I gibt ordentlich Gas und Hannover soll laut einigen Stimmen auch ziemlich krass gewesen sein.

Zum Zugabenblock erscheint Dirk mit einer irischen Maskerade. Die Crew schleppt seit Tourbeginn einen Koboldhut mit rotem Bart mit sich und mittlerweile hat sich daraus ein Running-Gang entwickelt. Pro Show muss einer dran glauben. War es in Neu-Isenburg JC, so ist in Hamburg Dirk dran. “Findeste das jetzt lustig, oder was?” krakelt Stephan Richtung Dirk und erntet ein freches Grinsen seines Gitarristen. Der Menge gefällt’s, ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Stephan droht Henning mit dem Zeigefinger, sollte er der nächste sein, der so “entstellt” auf die Bühne kommt. Man darf also gespannt sein…

Als das Riff zu “Regen” beginnt wünsche ich mir kurz, dass die Sprinkleranlage angeht. Dies passiert natürlich nicht, aber der Song schafft es, dass wir alle die Hitze vergessen und noch einmal alles geben. Der alte Onkelz-Flair liegt in diesen Minuten in der Luft und verzaubert die große Freiheit.

Nach der Show und etlichen Kaltgetränken schaue ich noch kurz im Backstage vorbei. Die Band ist sichtlich zufrieden mit ihrer Leistung und Stephan wirkt zunehmend gelöster. Ich möchte nicht wissen, was für seelische Brocken ihm nach und nach von der Seele fallen – stand die Tour doch wirklich unter keinem guten Stern. Wir sind zwar in Hamburg, aber der Dauerpatient macht genau das Richtige in seinem Zustand – er seilt sich ins Hotel ab und tankt Kraft für die nächsten Shows.
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“Sunrise over Reeperbahn” schallt es innerlich durch meinen Kopf, als ich im Morgengrauen aus einer Kiez-Spelunke falle. Die Jungs von SUPERCHARGER (eine der Vorbands in Frankfurt) liefern mit diesem Song den perfekten Soundtrack für meinen Zustand und für das Geschehene der letzten Stunden.

Ein Großteil der Crew, Dunderbeist und ich versackten noch ziemlich lange in einer einer traditionellen St.Pauli Kneipe, bevor wir uns todesmutig noch in die legendäre Karaokebar an der Ecke der Großen Freiheit stürzten. Dort gab einer der Norweger noch ein „Whitesnake“-Ständchen vom Besten. Ich kann euch nur sagen, die Performance war ganz großes Kino.

Aber kommen wir zum Jetzt und Hier, denn Hamburg II steht auf dem Plan. Zu meiner Verwunderung habe ich keinen Kater und setze mir zum Ziel das Konzert in der ersten Reihe zu erleben. Zurück zum Gewohnten. Kurz vor Einlass stoße ich auf die wartenden Meet & Greet Gewinner an einem Seiteneingang der Venue.
Ein Fan fällt dabei besonders auf. Stolz präsentiert er sein Geschenk für Stephan. Ein professioneller Rippenschutzanzug für Mountainbiker auf dem alle wartenden Fans am Einlass bereits unterschrieben hatten. Ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus und stelle mir Stephans verdutztes Gesicht vor. Wie ich später erfahre, musste auch Stephan ziemlich lachen und fand die Idee sehr cool. Generell laufen die Meet & Greets wohl immer ziemlich entspannt ab. Die Band hat Bock auf euch, ihr seid cool drauf. Immer wieder schön, wenn solche intensiven Momente zwischen Band und Fans entstehen. Da erinnern wir uns doch alle gerne dran zurück.

Ich habe derweil mir einen Platz in der ersten Reihe gesichert und DUNDERBEIST steigen um 18.45 auf die Bretter. Die Kerle scheinen halbwegs wieder fit zu sein und liefern wie gewohnt eine professionelle Show ab.
Das Hamburger Publikum scheint mir etwas zurückhaltender heute. Sicherlich sind einige noch erschöpft von der Hamburg I Sause oder wollen sich ihre Kräfte für DER W sparen.
Geschwitzt wird heute nicht ganz so viel wie gestern, aber dennoch gab es einige Highlights der zweiten Show, die ich euch nicht vorenthalten will:

“Ein Lied für meinen Sohn”: Mensch Stephan, was machen wir da nur mit dir? Irgendwie will gerade dieser Song nicht so richtig klappen. Wieder schleicht sich der Fehlerteufel ein und Stephan versingt sich zum xten Mal. Die Menge grölt und Stephan bricht das Lied ab. Kopfschüttelnd mit einem Grinsen über sich selbst steht er vor seinem Mikrophon. “Das darf doch nicht wahr sein, Leute. Immer versaue ich diese Strophe, gerade bei diesem Lied, das mir so viel bedeutet. Und wisst ihr was? Die zwei Jungs hier in der ersten Reihe haben mir letztens sogar ein Schild mit der richtigen Strophe hochgehalten…” erzählt er schmunzelnd.
Die zwei Fans aus der ersten Reihe sind mittlerweile zu richtigen Die-Hard Fans mutiert. Kevin und “Dieta” besuchen auf dieser Tour gleich zwölf Shows und können auch in der Vergangenheit auf eine beachtliche Zahl an W-Konzerten zurückblicken. Das ist wirklich Hingabe und die Band weiß dies sehr zu schätzen.

Irgendwann gebe ich meinen Platz vorne am Gitter auf und schaue mir das Konzert von der Bühne aus an. Micha Mainx gibt mir Kopfhörer und so kann ich verstärkt Stephans Stimme hören. Habe ich schon erwähnt, wie schön ich die Große Freiheit eigentlich finde? Allein die Menschenmassen auf dem Balkon machen das alles schon zu einem ziemlich epischen Bild.

Bei “Nein, nein, nein” klatscht die ganze Halle im Takt mit. Ich kann verstehen, wie der Band bei sowas das Adrenalin durch den Körper jagt. Wirklich sehr geil! Auch “Regen” verwandelt die Große Freiheit in einen brodelnden Hexenkessel. Das donnernde Intro und die künstlich erzeugten Lichtblitze lassen noch einmal Gänsehaut aufkommen und spätestens jetzt, als die ganze Halle wieder die Händen oben hat und das Lied abfeiert ist klar, dass Hamburg II einen anständigen Job gemacht hat.

Nach der Show muss alles ganz schnell gehen. Die Crew hat nur eine Stunde Zeit für den Abbau. Ich unterhalte mich draußen mit ein paar Fans, die immer noch ein Strahlen auf dem Gesicht haben.
„Toller Abend“, „Wahnsinns­-Show“, „Was eine coole Band“, all das höre ich vermehrt und kann dem nur zustimmen.

Ich kann mich ebenfalls nur bedanken für die tollen Gigs und die grandiose Stimmung. Diese Kombination hat das Tourtagebuch schreiben wirklich zu einer wahren Freude gemacht.
Sarah Rademacher

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