Review: Der W – Autonomie!

Dezember 3rd, 2010 | By Sarah

DerW-AutonomieDie Messlatte liegt hoch: Nachdem ich schon das Erstlingswerk vom W bejubelte, erwarte ich nun mit “Autonomie!” die volle Dröhnung aus der Weidnerschen Aphorismen- und Sonette-Fabrik. “You get what you want” ist in diesem Falle keine bloße Floskel, sondern bestmögliche Dienstleistung am Kunden. Denn am Ende der Straße wartet eine Kreuzung in sämtliche Genre-Landschaften.

Experimentelle Synthie-Elektro-Rock-Songs, brachiale Metal-Tracks, balladeske Jazznummern, Swing-& Bluesgeschichten oder typische Rock-Geschosse – für die 17 W-Ergüsse auf “Autonomie!” braucht der erstaunte Hörer erst mal einen Lageplan zur Orientierung. Doch wer hat gesagt, dass der Weg ins Paradies immer so einfach ist?

Ode An Die Zeit” läutet als Instrumental mit verzerrten Gitarrenriffs und tickender Kuckucksuhr im Hintergrund den Opener “Nein, Nein, Nein” ein. Die W-Band mit Gitarrist Dirk Czuya, Bassist Henning Menke (Jingo De Lunch) und Trommler JC Dwyer (Ex-Pro Pain) markiert ihr Revier mit einem rauen, modernen Rock’n’Roll-Drängler, der eine gelungene Alternative zu den leider aufgelösten Gluecifer oder Hellacopters bietet.

Stephan Weidner lädt auch auf “Autonomie!” wieder beachtliche Gäste. Schweden-Bomber Mikkey Dee bedient die Schießbude im rockenden “Machsmaulauf!”. Weibliche Unterstützung holte sich der Ex-Onkel vom noch unbeschriebenen Blatt Yen (YEN). Mit ihrer rauchig und doch zarten Stimme verleiht sie mitunter der jazzigen Piano-Ballade “Sterne” wärmende Backgrounds. Lediglich Weidner selbst übertrumpft das noch mit einer ungewöhnlich sanften Stimmlage und metaphorischer Gedichtsmalerei.

Eine weitere musikalische Sternstunde versteckt sich in “Schlag Mich (Bis Ich Es Versteh’)”, das schon mit seinem eineinhalbminütigen Akustik-Intro sanftmütig die Ohren küsst. Wiegendes Saitenstreicheln flackert anfänglich in der dunklen Atmosphäre, bevor der Track sich zu einer leicht groovigen Nummer wandelt, um sich letztendlich mit skurrilen hawaiianischen Klängen zu verabschieden. Der W schlüpft stimmlich in die Rolle Cashs und nutzt die Möglichkeit des erzählerischen Gesangs, um sich über Kindheitstraumen auszulassen. “Hab es seit Jahren unter Traurigkeit begraben/Gebäude an Gedanken auf schmalem Fundament/ein Krieg gegen den Geist/ meine Seele brennt.

Dass “Autonomie!” einen breiten musikalischen Horizont bietet, zeigen auch Tracks wie “Mamas kleines Monster” und “Urlaub mit Stalin”. Ersterer, der sofort eine Social Distortion-Hommage vermuten lässt, weist anfängliche Parallelen zum bekannten “Did My Time” (Korn) auf.

Hinter “Urlaub mit Stalin” verbirgt sich kein ketzerischer Politsong, sondern ein persönliches Liebesdrama aus dem Hause Weidner. Aufgebaut auf punkigem Fundament mit stützenden Reggae-Säulen erinnert der Chorus ein wenig an Slipknots ”Dead Memories”. Doch all das stört nicht, sondern nährt eher die Vielseitigkeit des Silberlings.

Vollends umgarnt der Frankfurter mit dem letzten Track “Der Hafen“, in dem er sich der Vorstellung möglichst zufrieden zu sterben widmet. Scheu schleichen sich trauernde Mariachis mit ihren Instrumenten in das balladeske Stück, textlich kristallisiert sich der Track zu einem ganz großen Highlight, selten erlebte man den W so nachdenklich. “Zwischen Sein und Bewusstsein vom Kummer beschlagen/ nur fragiles Glas/ Bedenken und Fragen.

Mit “Autonomie!” manövriert sich Weidner in keine Sackgasse, sondern hinterlässt offensichtliche Fußspuren auf dem Pfad des musikalischen Seins. Was man davon halten mag, überlässt er wie immer den anderen. “Was bin ich nur? Blender oder Symbolfigur? Wen interessiert’s? Macht was ihr wollt aus mir!

von Sarah Rademacher

Leave a reply